Kaum ist die Werkself wieder auf dem Trainingsplatz, beginnt für uns Fans die schönste und zugleich gefährlichste Zeit des Fußballjahres: die Saisonvorbereitung. Schön, weil endlich wieder Bälle rollen. Gefährlich, weil man nach einer einzigen öffentlichen Einheit bereits versucht ist, taktische Revolutionen, neue Stammspieler und mindestens drei kommende Weltstars zu erkennen.
Dabei war es zunächst einmal nur der Trainingsauftakt. Aber immerhin einer, der neugierig gemacht hat.
Nach rund zwei Monaten Sommerpause versammelte Carles Martínez seine Mannschaft erstmals auf dem Rasen an der BayArena. Mehrere hundert Fans schauten zu, die Temperaturen lagen bei über 30 Grad, und die Rasensprenger dürften an diesem Nachmittag zu den beliebtesten Mitarbeitern des Vereins gehört haben.
Arthur betrat als erster Spieler freudestrahlend den Platz. Das passt zu einem Trainingsstart: Alle sind gut gelaunt, alle sind motiviert, und vermutlich hat noch niemand zum zehnten Mal dieselbe intensive Laufübung absolvieren müssen.
Für Martínez war es die erste Einheit als Cheftrainer von Bayer 04. Der Spanier kündigte an, dass seine Mannschaft mit Intensität, Leidenschaft und Präzision spielen solle. Das klingt zunächst einmal hervorragend. Ehrlicherweise kenne ich allerdings keinen Trainer, der zum Amtsantritt Langsamkeit, Gleichgültigkeit und ungenaue Pässe als neues Leitbild ausgegeben hat.
Entscheidend wird deshalb nicht sein, wie gut diese drei Begriffe im Juli klingen, sondern ob sie im Herbst auf dem Platz zu erkennen sind. Gerade die Präzision dürfte dabei ein wichtiges Thema werden. Leidenschaft lässt sich relativ leicht behaupten, Intensität kann man zumindest laufen, aber Präzision zeigt sich erst dann, wenn unter Druck die richtigen Entscheidungen getroffen werden.
Positiv finde ich, dass Martínez offenbar sehr kommunikativ auftritt. Nathan Tella beschrieb den neuen Trainer als klar und direkt und betonte, dass die Mannschaft genau das benötige. Bei einem jungen Team ist das tatsächlich nicht unwichtig. Junge Spieler brauchen Freiheiten, aber sie brauchen ebenso klare Aufgaben. Fußballerische Selbstverwirklichung ist schön, solange am Ende noch jemand weiß, wer den gegnerischen Außenverteidiger aufnehmen soll.
Martínez selbst stellte heraus, dass jeder Spieler im Kader die Chance habe, sich für die Startelf zu empfehlen. Auch das gehört zum üblichen Vokabular eines neuen Trainers, ist aber trotzdem richtig. In einer Vorbereitung müssen die Karten zumindest ein Stück weit neu gemischt werden. Wer schon im Juli das Gefühl bekommt, lediglich Trainingsmaterial für die vermeintliche Stammelf zu sein, wird kaum sein Maximum abrufen.
Interessant war auch die Beteiligung von fünf U19-Spielern. Osman Turay, Jonah Berghoff, Jeremiah Mensah, Dustin Buck und Torhüter Simeon Rapsch durften sich bei den Profis zeigen. Natürlich sollte man aus einer Trainingsteilnahme noch keine große Durchbruchsgeschichte schreiben. Trotzdem freue ich mich immer, wenn Talente aus dem eigenen Nachwuchs ihre Gelegenheit erhalten.
Nicht jeder Jugendspieler wird Bundesligaprofi, und nicht jeder gute Eindruck im Training führt zu einem Einsatz in der BayArena. Aber ein Verein wie Bayer 04 muss jungen Spielern zumindest eine glaubwürdige Perspektive bieten. Sonst kann man sich das Leistungszentrum irgendwann auch als besonders große Umkleidekabine anrechnen lassen.
Mit Afonso Moreira stand zudem ein Neuzugang erstmals mit der Mannschaft auf dem Platz. Kennet Eichhorn fehlte wegen eines privaten Termins in Berlin, während die WM-Teilnehmer später in die Vorbereitung einsteigen. Der Kader war also noch längst nicht vollständig. Auch deshalb sollte man den ersten Trainingstag nicht überbewerten.
Trotzdem beginnt jetzt die entscheidende Phase für das neue Trainerteam. Martínez muss seine Ideen vermitteln, Rollen verteilen und aus bekannten Spielern, jungen Talenten und neuen Gesichtern eine funktionierende Mannschaft formen. Dabei hilft das familiäre Umfeld, das er ausdrücklich gelobt hat. Harmonie ist zweifellos wertvoll. Sie darf nur nicht mit Bequemlichkeit verwechselt werden.
Nathan Tella möchte nach seiner Verletzung fit bleiben und konstant gute Leistungen zeigen. Das wäre für Bayer 04 wichtig. Konkurrenz im Kader kann Spieler antreiben, solange sie nicht zu dauernder Unzufriedenheit führt. Auch hier ist der Trainer gefragt: Er muss Entscheidungen klar erklären und gleichzeitig dafür sorgen, dass diejenigen außerhalb der Startelf nicht innerlich bereits im September Wintertransfers planen.
Der erste Test gegen die Sportfreunde Baumberg wird noch keine großen Antworten liefern. Testspiele im Juli besitzen ungefähr dieselbe Aussagekraft wie Wetterprognosen für den nächsten Frühling. Trotzdem wird man erste Ansätze erkennen können: Wie möchte Martínez aufbauen? Wie aggressiv wird gepresst? Welche Rolle spielen die jungen Spieler? Und wie ernst nimmt die Mannschaft die angekündigten Begriffe Intensität, Leidenschaft und Präzision?
Nach dem ersten Training bin ich vorsichtig optimistisch. Der neue Trainer wirkt engagiert, kommunikativ und klar. Mehr kann man nach einer Einheit kaum seriös feststellen.
Die Werkself ist wieder da, die Vorfreude ebenfalls – und meine Fanbrille sitzt schon wieder so fest, dass selbst 30 Grad im Schatten sie nicht beschlagen lassen.
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Mittwoch, 15. Juli 2026
Neustart bei 30 Grad: Martínez lässt Bayer 04 gleich ins Schwitzen kommen
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