Bayer 04 Leverkusen geht mit einem neuen Cheftrainer in die nächste Saison: Carles Martínez Novell übernimmt die Werkself zum 1. Juli 2026 und erhält einen Vertrag bis zum 30. Juni 2028. Der 42-jährige Spanier kommt vom FC Toulouse, den er zuletzt in der französischen Ligue 1 betreute, und folgt in Leverkusen auf Kasper Hjulmand, der den Klub nach nur einer Spielzeit wieder verlässt.
Auf den ersten Blick ist diese Personalie vielleicht nicht der ganz große Name, den manche erwartet hätten. Kein Trainer, der sofort mit einer langen Titelsammlung oder großem medialem Donnerhall daherkommt. Aber genau darin liegt der interessante Punkt dieser Entscheidung. Bayer 04 scheint bewusst nicht auf maximale Lautstärke zu setzen, sondern auf ein Profil, das zur sportlichen Ausrichtung des Vereins passen soll: modern, entwicklungsorientiert, international geprägt und mit klarem Fokus auf die Arbeit mit jungen Spielern.
Martínez bringt dafür durchaus spannende Voraussetzungen mit. In Toulouse hat er eine international zusammengestellte Mannschaft stabilisiert, weiterentwickelt und sportlich auf ein solides Niveau geführt. Besonders hervorgehoben wird seine strukturierte Arbeitsweise, seine klare Kommunikation mit Spielern und Staff sowie seine detailorientierte Trainingsarbeit. Bayer 04 sieht in ihm offenbar keinen kurzfristigen Feuerwehrmann, sondern einen Trainer, der eine Mannschaft formen, verbessern und auf ein konstant hohes Niveau bringen kann.
Besonders interessant ist sein Hintergrund in der Nachwuchsarbeit. Martínez arbeitete mehrere Jahre in La Masia, der berühmten Talentschmiede des FC Barcelona. Dort war er unter anderem an der Entwicklung von Spielern wie Gavi, Xavi Simons und Ansu Fati beteiligt. Für einen Klub wie Bayer 04, der traditionell stark davon lebt, junge Spieler früh zu erkennen, sie weiterzuentwickeln und sportlich wie wirtschaftlich auf die nächste Stufe zu heben, ist genau diese Erfahrung ein wichtiger Baustein.
Natürlich bleibt die Verpflichtung auch ein Risiko. Die Bundesliga ist nicht die Ligue 1, Leverkusen ist nicht Toulouse, und die Erwartungshaltung bei Bayer 04 ist nach den starken Jahren deutlich gestiegen. Wer die Werkself übernimmt, übernimmt inzwischen keinen gemütlichen Entwicklungsverein mehr, sondern einen Klub mit europäischem Anspruch. Bayer 04 will dauerhaft oben mitspielen, international konkurrenzfähig bleiben und die eigene Position unter den führenden Vereinen Europas weiter festigen. Das ist ein hoher Anspruch für einen Trainer, der auf dieser Bühne erst noch beweisen muss, dass er auch unter größerem Druck bestehen kann.
Gleichzeitig passt die Entscheidung zur Linie des Vereins. Bayer 04 hat in den vergangenen Jahren häufig davon profitiert, nicht immer den offensichtlichsten Weg zu gehen. Spieler wurden früh verpflichtet, bevor sie überall auf dem Zettel standen. Trainerentscheidungen wurden nicht nur nach Namen, sondern nach Idee, Passung und Entwicklungspotenzial getroffen. Carles Martínez Novell könnte genau in diese Kategorie fallen: kein Glamour-Transfer an der Seitenlinie, aber möglicherweise ein Trainer mit einer klaren Idee davon, wie moderner Fußball funktionieren soll.
Für die Fans beginnt damit eine spannende neue Phase. Die entscheidende Frage wird sein, ob Martínez seine Prinzipien schnell genug auf die Mannschaft übertragen kann. Bayer 04 braucht nicht nur schönen Fußball, sondern Ergebnisse. Nicht nur Entwicklung, sondern Stabilität. Nicht nur Talentförderung, sondern zählbare Erfolge. Gerade nach dem Abgang von Kasper Hjulmand wird es darauf ankommen, dass der neue Trainer rasch Vertrauen aufbaut und der Mannschaft eine klare Richtung gibt.
Am Ende ist die Verpflichtung von Carles Martínez Novell eine dieser Entscheidungen, die erst im Rückblick endgültig bewertet werden können. Sie kann als mutiger, kluger Schritt erscheinen – oder als Experiment, das zu groß für den Moment war. Im Hier und Jetzt wirkt sie vor allem konsequent. Bayer 04 setzt auf einen Trainer, der für Entwicklung, Struktur und moderne Fußballideen steht. Ob daraus die nächste erfolgreiche Werkself-Geschichte wird, zeigt sich ab dem 1. Juli.
Niemals Meister (tut zwar weh) - ein Blog als Fan von Bayer 04
Freitag, 5. Juni 2026
Bayer 04 überrascht mit Martínez: Ein Trainer ohne Glamour, aber mit viel Versprechen
Freitag, 22. Mai 2026
Der niemalsmeister (war gestern) Saisonrückblick: Prognose versus Endstand
Wenn man die niemalsmeister.de-Saisonprognose mit der tatsächlichen Abschlusstabelle vergleicht, muss man sagen: Ganz oben war die Glaskugel erstaunlich stabil, danach wurde sie aber zunehmend zu einem dieser Bayer-04-Spielaufbauten, bei denen man nach zehn Pässen denkt: Sieht gut aus, aber wohin führt das jetzt genau?
Den Meister richtig getippt: Bayern München. Leider. Da war die Prognose so mutig wie ein Tipp auf Regen in Leverkusen im November, aber sie stimmte. Die Bayern wurden nicht nur Meister, sie haben die Liga mit 89 Punkten und 122 Toren ziemlich humorlos zerlegt. Dass sie am Ende 16 Punkte vor Dortmund lagen, zeigt: Von echter Titelspannung war weniger übrig als von einer Stadionwurst nach der Halbzeitpause.
Dortmund wurde tatsächlich Zweiter, allerdings einen Platz besser als getippt. Kovac hat den BVB also offenbar wirklich stabiler gemacht, zumindest stabil genug, um Bayer 04 klar hinter sich zu lassen. Und damit kommen wir zum schmerzhaften Teil: Bayer wurde nicht Vizemeister, sondern Sechster. Statt Bayern lange zu ärgern, haben wir am Ende eher uns selbst geärgert. Der Tipp war aus Fanbrille verständlich, vielleicht sogar romantisch, aber die Realität war deutlich nüchterner: 59 Punkte, neun Niederlagen, zu viele verschenkte Spiele. Man kann sagen: Die Prognose hatte Vertrauen in Bayer 04. Die Mannschaft hatte leider nicht immer dieselbe Verlässlichkeit.
Besonders bitter ist, dass Leverkusen nur drei Punkte hinter Platz vier und zwei Punkte hinter Hoffenheim landete. Es war also nicht so, dass die Champions League außer Reichweite gewesen wäre. Sie lag eher auf dem Tisch, sauber angerichtet, und Bayer hat beim Zugreifen wieder einmal das Besteck fallen lassen. Genau deshalb wirkt Platz sechs enttäuschender, als er tabellarisch vielleicht aussieht.
RB Leipzig und Stuttgart wurden beide unterschätzt, aber nicht dramatisch. Leipzig landete auf Platz drei statt fünf, Stuttgart auf Platz vier statt sechs. Beide waren also stärker und konstanter als erwartet. Gerade Stuttgart hat bewiesen, dass die gute Entwicklung eben kein kurzer Betriebsunfall nach oben war. Leider musste Bayer das im Saisonendspurt auch noch selbst leidvoll bestätigen.
Der größte Fehlgriff der Prognose war eindeutig Hoffenheim. Getippt auf Platz 13, tatsächlich Fünfter. Aus der grauen Mittelmaß-Suppe wurde plötzlich Europa-Feinkost. Das muss man anerkennen, auch wenn es als Bayer-Fan ein bisschen weh tut, wenn ausgerechnet Hoffenheim den Platz vor uns belegt. Die TSG war nicht spektakulär besser in der Tordifferenz, aber sie war einen Tick effizienter, einen Tick stabiler – und am Ende eben zwei Punkte vor Bayer.
Frankfurt dagegen wurde deutlich zu optimistisch eingeschätzt. Statt Champions League auf Platz vier gab es nur Rang acht. Da roch die Prognose nach Europa, die Realität eher nach durchwachsenem Donnerstag ohne internationalen Glanz. Freiburg wurde mit Platz sieben exakt richtig getroffen – Chapeau. Das war der schöne Moment, in dem die Glaskugel kurz aussah wie ein Präzisionsinstrument.
Im Mittelfeld gab es Licht und Schatten. Mainz wurde statt Achter nur Zehnter, Gladbach statt Neunter Zwölfter, der HSV statt Zehnter Dreizehnter. Die grobe Richtung stimmte: alle drin, alle nicht spektakulär, alle irgendwie Bundesliga-Graubereich mit gelegentlichem Puls. Augsburg wurde mit Platz 15 zu tief eingeschätzt und landete auf Rang neun. Das war eine echte Überraschung, denn statt Rasierklinge gab es am Ende ziemlich soliden Klassenerhalt mit Mittelfeldblick.
Köln wurde zu freundlich gesehen. Platz elf war getippt, Platz 14 wurde es. Immerhin Klassenerhalt, aber mehr Kampfzone als Komfortzone. Bremen wurde ebenfalls überschätzt: Statt ruhigem Platz zwölf ging es runter auf Rang 15, punktgleich mit Köln und nur knapp vor der Relegation. Wolfsburg dagegen wurde fast perfekt eingeordnet: getippt 14., tatsächlich 16. – nur war es am Ende noch ungemütlicher als erwartet.
Unten lag die Prognose erstaunlich nah dran, nur Union Berlin hat sich geweigert, brav in die Relegation zu gehen. Getippt auf Platz 16, tatsächlich Elfter. Das war deutlich stabiler als erwartet. St. Pauli und Heidenheim wurden beide als Absteiger gesehen und landeten tatsächlich auf den letzten beiden Plätzen, wenn auch Heidenheim vor St. Pauli. Da war die Einschätzung ziemlich treffsicher: sympathisch, kämpferisch, aber am Ende zu wenig Bundesliga-Substanz.
Unterm Strich war die Prognose oben bei Bayern, Dortmund und dem erweiterten Europa-Rahmen gar nicht so schlecht, aber sie hatte zwei große blinde Flecken: zu viel Vertrauen in Bayer 04 und viel zu wenig Vertrauen in Hoffenheim. Aus Leverkusener Sicht ist genau das natürlich die bittere Pointe dieser Saison. Man hatte Bayer auf Platz zwei gesehen, weil Qualität, Kader und Anspruch dafür sprachen. Am Ende wurde es Platz sechs, weil Anspruch allein keine Punkte holt und Dominanz ohne Konsequenz nur hübsche Statistik ist.
Die Saisonprognose war also keine Vollkatastrophe, aber sie hatte eindeutig Fanbrille mit Sehstärke „Champions League“. Leider hat Bayer 04 auf dem Platz eher die Lesebrille gesucht.
Dienstag, 19. Mai 2026
Der niemalsmeister-Saisonrückblick 2025/26: Platz sechs, Puls 180 und die Kunst, sich selbst im Weg zu stehen
Diese Saison von Bayer 04 war wie ein viel zu langer VAR-Check: Man wusste zwischendurch nie genau, ob man jubeln, fluchen oder vorsorglich den Fernseher aus dem Fenster werfen soll. Platz sechs, Europa League, 59 Punkte – das ist auf dem Papier ordentlich. Für Bayer 04 im Jahr 2026 fühlt es sich aber zu wenig an. Nicht nach Absturz, eher nach verschenktem Upgrade. Wie Business-Class gebucht und dann freiwillig im Gepäckfach Platz genommen.
Der rote Faden dieser Spielzeit war leider nicht nur schwarz-rot, sondern auch ziemlich nervig: Dominanz ohne Ertrag. Immer wieder hatte Bayer den Ball, die Kontrolle, die besseren Phasen, die Statistiken auf seiner Seite – und am Ende trotzdem zu wenig Punkte. Gegen Mainz spät gerettet, in Freiburg ein 3:3 verschenkt, in Heidenheim gegen den Tabellenletzten trotz drei eigener Tore nicht gewonnen, gegen Augsburg 35 Schüsse und null Punkte, zum Abschluss gegen den HSV 26 Torschüsse, Elfmeter, Heimspiel, alles angerichtet – und wieder nur 1:1. Irgendwann ist das kein Pech mehr, sondern ein Muster mit Dauerkarte.
Natürlich gab es auch starke Momente. Das 1:0 in Dortmund war erwachsen, hart, wichtig. Das 4:1 gegen Leipzig zeigte, was diese Mannschaft eigentlich kann, wenn sie ihre PS nicht nur im Standgas bewundert. Patrik Schick trug die Offensive phasenweise auf seinen Schultern, Garcia wurde immer wichtiger, Quansah und Tapsoba lieferten nicht nur defensiv, sondern mussten vorne teilweise gleich mit die Feuerwehr spielen. Dazu kamen junge Lichtblicke wie Culbreath oder Kofane, die gezeigt haben, dass in Leverkusen nicht nur über Zukunft geredet wird, sondern manchmal auch eine über den Platz rennt.
Aber genau deshalb ärgert Platz sechs so sehr. Diese Mannschaft hatte Qualität. Sie hatte genug gute Spiele, genug individuelle Klasse, genug Chancen auf mehr. Was fehlte, war Reife. Zu oft wurde nach Führungen abgeschaltet, zu oft kam die Reaktion erst nach dem Rückstand, zu oft wirkte Bayer wie ein Team, das den Gegner beherrscht, aber das Spiel nicht tötet. Und wer Champions League will, darf nicht regelmäßig Punkte liegen lassen wie Pfandbons in der Jackentasche.
Auch im Pokal und in der Champions League blieb dieses Gefühl: ordentlich, manchmal stolz, aber nicht final zwingend. Gegen Arsenal nicht blamiert, gegen Bayern im Pokal nicht chancenlos – aber eben raus. Am Ende bleibt eine Saison mit guten Ansätzen, starken Einzelgeschichten und viel zu vielen „eigentlich“-Momenten.
Europa League nehmen wir mit. Natürlich. Mit Fanbrille gewinnen wir das Ding, wahrscheinlich nach Verlängerung, drei Herzstillständen und einem Andrich-Zweikampf, der später als Baumaßnahme angemeldet werden muss. Aber kritisch bleibt: Bayer 04 hat 2025/26 nicht zu wenig Talent gehabt, sondern zu wenig Konsequenz. Und wenn aus Dominanz nicht endlich Tore, Siege und Stabilität werden, bleibt Platz sechs kein Ausrutscher – sondern eine Warnung.
Sonntag, 17. Mai 2026
Platz sechs – oder: Wie man mit vollem Kühlschrank hungrig ins Bett geht
Platz sechs. Europa League. Klingt erstmal nach solidem Handwerk, nach ordentlichem Zeugnis, nach „war stets bemüht mit internationaler Perspektive“. Aber ganz ehrlich: Im Nachhinein fühlt sich diese Saison enttäuschend an. Nicht katastrophal, nicht zum Weglaufen, aber eben wie ein vielversprechender Angriff, der am Ende am eigenen Schnürsenkel hängen bleibt.
Das 1:1 gegen den HSV war dafür leider das passende Saison-Schlussbild. Bayer drückt, Bayer dominiert, Bayer sammelt Ballbesitz wie andere Leute Payback-Punkte – und am Ende steht wieder nur ein Remis. 26 Torschüsse, über weite Strecken Kontrolle, dazu ein Elfmeter: Eigentlich müsste man so ein Spiel gewinnen, wenn man ernsthaft Champions League spielen will. Stattdessen wurde wieder Chancenwucher betrieben, als gäbe es für vergebene Großchancen am Saisonende Bonuspunkte. Gibt es aber nicht. Es gibt Platz sechs.
Natürlich kann man sagen: neue Mannschaft, schwieriger Start, Schwankungen, Europa ist Europa. Stimmt alles. Und ja, wir Bayer-Fans wissen auch, dass man nicht jede Saison mit Zauberfußball und Konfettikanone durch die Liga pflügt. Aber genau deshalb ärgert es ja so. Diese Mannschaft hatte genug Qualität, genug Phasen, genug Momente, um mehr aus dieser Saison zu machen. Es fehlte nicht an Talent, sondern zu oft an Konsequenz. Vorne wurde liegen gelassen, hinten reichte dem Gegner manchmal ein sauberer Gedanke und ein strammer Schuss, um uns wieder in die kollektive Stirnfalte zu treiben.
Platz sechs ist kein Absturz, aber für Bayer 04 inzwischen eben auch kein Grund, sich auf die Schulter zu klopfen, bis der Physio kommen muss. Nach den letzten Jahren sind die Ansprüche andere. Wer so viel Spielkontrolle hat, muss daraus mehr machen. Wer den Anspruch Champions League formuliert, darf nicht regelmäßig Punkte verschenken wie Werbekugelschreiber in der Fußgängerzone.
Die Europa League nehmen wir natürlich mit. Mit Fanbrille betrachtet gewinnen wir das Ding selbstverständlich, wahrscheinlich mit drei abgefälschten Garcia-Standards und einem Andrich-Grätschenmuseum im Halbfinale. Aber kritisch bleibt: Diese Saison war eine verpasste Chance. Und die größte Baustelle ist klar: Aus Dominanz müssen Tore werden. Sonst bleibt Bayer 04 die schönste Maschine im Werk, die leider zu oft das fertige Produkt vergisst.
Samstag, 9. Mai 2026
Vom Blitzstart zur Blackout-Show – wie wir in Stuttgart wieder alles vergaßen, außer wie man führt
Es gibt Spiele, die erzählen dir alles über eine Saison. Und dann gibt es dieses 1:3 in Stuttgart, das dir ins Gesicht brüllt: „Champions League? Nur wenn die anderen kollektiv den Stecker ziehen.“ Nach 34 Sekunden dachte man noch, wir hätten das Drehbuch geschrieben. Pressing, Ballgewinn, Garcia – zack, Führung. So spielt ein Team, das nach Europa will. Dachte man.
Was dann folgte, war leider eher ein Best-of unserer bekannten Schwächen. Stuttgart durfte genau das sein, was wir eigentlich sein wollten: gierig, klar, strukturiert. Während wir uns nach dem Traumstart gemütlich in die Rolle des Beobachters verabschiedeten, hat der VfB einfach gemacht. Und wir? Haben zugeschaut, wie Demirovic zur Dauerwerbesendung wird, ohne den Kanal zu wechseln.
Das Problem ist nicht, dass man in Stuttgart verlieren kann. Das Problem ist, *wie*. Kaum Zugriff im Mittelfeld, zu große Abstände, zu wenig Konsequenz in den Zweikämpfen. Und vorne? Nach dem 1:0 praktisch abgemeldet. Sechs Schüsse, ein xG zum Wegschauen – das ist kein Ausrutscher, das ist ein Statement. Leider das falsche.
Der Elfmeter kurz vor der Pause passt dann ins Bild: unnötig, ungeschickt, und natürlich maximal bitter im Timing. Dass Stuttgart danach Blut geleckt hat, war absehbar. Dass wir keine Antwort mehr hatten, leider auch. Diese Mannschaft kann spektakulär – aber sie kann eben auch komplett den Faden verlieren. Beides haben wir diese Saison oft genug gesehen.
Unterm Strich bleibt das Gefühl, dass uns in solchen Spielen genau das fehlt, was Top-Teams auszeichnet: Stabilität, Reife, ein klarer Plan B. Stattdessen sind wir zu oft abhängig von Momenten – und wenn die verpuffen, stehen wir da wie in Stuttgart: ratlos und hinterherlaufend.
Jetzt also HSV und hoffen, dass zwei Konkurrenten patzen. Realistisch? Eher nicht. Aber gut, wir sind Bayer 04 – Hoffnung ist ja irgendwie Teil der DNA. Nur sollte man sich langsam fragen, warum wir sie immer wieder brauchen.
Sonntag, 3. Mai 2026
Patrik Schick!!!
Manchmal gibt es Fußballabende, da verlässt man die BayArena und fragt sich, ob man gerade wirklich Bayer 04 gesehen hat oder ob jemand heimlich den Champions-League-Modus im Menü aktiviert hat. Dieses 4:1 gegen Leipzig war so ein Abend. Nicht, weil alles plötzlich wieder perfekt wäre – wir sind schließlich Leverkusener, wir misstrauen selbst einer 3:0-Führung noch mit fachkundiger Panik –, sondern weil diese Mannschaft rechtzeitig begriffen hat, worum es geht.
Rang vier. Champions League in Reichweite. Zwei Spiele vor Schluss. Das ist keine Wohlfühloase, das ist ein Hochseilakt mit Werkself-Logo. Und genau deshalb war dieser Sieg so wichtig: nicht nur wegen der drei Punkte, sondern wegen der Art. Bayer spielte nicht wie ein Team, das hofft, irgendwie durchzurutschen, sondern wie eines, das die Tür zur Königsklasse mit Anlauf eintreten will. Leipzig kam mit fünf Siegen in Serie, ging aber phasenweise spazieren wie ein Gast, der sich in der BayArena verlaufen hat und höflich nach dem Ausgang sucht.
Patrik Schick war dabei natürlich der Mann des Abends. Drei Tore, 103 Pflichtspieltreffer für Bayer, aktuell heißer als die Bratwurstplatte am Bierstand. Wenn Schick so spielt, wirkt Strafraumfußball plötzlich wieder wie eine seriöse Kunstform und nicht wie ein kompliziertes Forschungsprojekt. Besonders schön: Er ist nicht nur Vollstrecker, sondern wieder Führungsspieler. Genau das braucht Bayer jetzt. Keine Schönspielerei mit Wattebäuschchen, sondern klare Ansagen, kalte Abschlüsse und ein bisschen tschechische Abrissbirne.
Auch Tella, Garcia, Maza und Palacios zeigten, dass diese Mannschaft mehr kann als gelegentlich hübsch kombinieren und anschließend rätselhaft den Stecker ziehen. Das Gegenpressing hatte Biss, die Pässe hatten Tempo, die BayArena hatte Puls. Und ja, die Fans waren ein Faktor. Dieses Stadion kann, wenn es will, mehr sein als ein akustisch gepflegter Familienausflug mit Sitzschalenkomfort.
Trotzdem: Bitte jetzt nicht wieder in die Leverkusener Spezialdisziplin verfallen, nämlich nach einem großen Schritt direkt über die eigenen Schnürsenkel stolpern. Stuttgart wird kein Betriebsausflug, sondern das nächste Endspiel. Wer Champions League will, muss dort genauso auftreten: wach, mutig, gierig. Gegen Leipzig war das ein Statement. Jetzt muss daraus eine Bewerbung werden.
Sonntag, 26. April 2026
Schick in Köln: Zwei Tore, drei Punkte und ein bisschen Herzkasper für die Fanpflege
Es gibt Derbysiege, die riechen nach Dominanz, Kontrolle und einem entspannten Nachmittag. Und dann gibt es dieses 2:1 in Köln: ein Sieg, der eher nach Pulsuhr, kaltem Kaffee und erleichtertem Ausatmen schmeckte. Aber seien wir ehrlich: In Köln gewinnen ist immer schön. Fünf Derbysiege in Serie? Das ist nicht nur schön, das ist schon fast ein betreutes Wohnen für rheinische Fußballgefühle.
Bayer 04 kam nicht gerade wie ein Orkan aus der Kabine. Köln war zu Beginn griffiger, wacher und hatte durchaus Momente, in denen man als Leverkusener kurz überprüfte, ob das Sofa noch tragfähig ist. Nach dem Pokal-Aus gegen Bayern war ohnehin klar: Diese Mannschaft trägt gerade keinen Zauberumhang, sondern eher Arbeitshandschuhe. Und genau so sah es auch aus. Vieles war zäh, manches unsauber, aber am Ende eben erfolgreich. Das muss man in dieser Saisonphase auch erst mal hinkriegen.
Der große Unterschied hieß Patrik Schick. Während andere noch über Derbyhektik, zweite Bälle und Kölner Galligkeit nachdachten, machte Schick einfach das, wofür man Mittelstürmer bezahlt: treffen. Erst sicher vom Punkt, dann eiskalt nach Tellas Vorlage. 100 Pflichtspieltore für Bayer 04 sind keine Randnotiz, sondern ein Ausrufezeichen mit tschechischem Akzent. Schick ist gerade nicht nur on fire, er ist die Brandschutzversicherung unserer Champions-League-Hoffnungen.
Trotzdem sollte man die schwarz-rote Fanbrille kurz putzen: Souverän war das nicht durchgehend. Ohne Janis Blaswich, der kurzfristig für Mark Flekken einsprang und mehrfach stark hielt, hätte der Nachmittag unangenehmer werden können. Köln hatte Chancen, Pfosten inklusive, und nach Waldschmidts Anschlusstreffer wurde aus Derbyverwaltung plötzlich wieder Derbyzittern. Bayer ließ sich zu sehr zurückfallen, verwaltete den Vorsprung phasenweise, als hätte jemand vergessen, dass Fußballspiele 90 Minuten dauern und Köln aus Prinzip erst dann nervig wird, wenn man denkt, es sei erledigt.
Erfreulich waren die Comebacks von Arthur und Eliesse Ben Seghir. In dieser heißen Schlussphase kann jede frische Option Gold wert sein. Denn jetzt kommen Leipzig, Stuttgart und Hamburg, und der Kampf um die Champions League wird kein Spaziergang über die Dhünn.
Aber fürs Erste gilt: Derbysieg. Wieder. In Köln. Danke, Patrik. Der Dom steht noch, aber die Punkte sind in Leverkusen.