Wenn eine Vorbereitung mit sechs Siegen aus sieben Spielen endet, könnte man natürlich auf die Idee kommen, dass alles bestens läuft. Als langjähriger Bayer-04-Fan weiß ich allerdings, dass genau solche Gedanken gefährlich sind. Fußball hat die unangenehme Angewohnheit, übertriebene Zuversicht ziemlich zuverlässig zu bestrafen. Trotzdem: Das 2:1 bei Newcastle United war eine Generalprobe, mit der ich deutlich besser leben kann als mit dem etwas zähen 1:2 wenige Tage zuvor in Nottingham. Nicht nur wegen des Ergebnisses, sondern weil Bayer über weite Strecken einen ordentlichen Eindruck hinterließ, das Spiel über längere Phasen kontrollierte und mit Ibrahim Maza und Victor Boniface zwei Torschützen hatte, deren Treffer aus unterschiedlichen Gründen besonders interessant waren.
Dabei dauerte es nicht einmal eine Minute, bis Bayer 04 ein erstes Ausrufezeichen setzte. Christian Kofane und Maza kombinierten sich vor den Strafraum, dann nahm Maza Maß und jagte den Ball aus rund 20 Metern unter die Latte. So darf man eine Generalprobe gerne beginnen. Viel Zeit zum Nachdenken bleibt dem Gegner da jedenfalls nicht. Für mich war dieser Treffer mehr als nur ein schönes Tor in einem Testspiel. Maza zeigt immer wieder, dass er technisch und spielerisch etwas mitbringt, was dieser Mannschaft sehr guttun kann. Natürlich muss man einen jungen Spieler in einer Vorbereitung nicht gleich zum neuen Weltstar erklären – das erledigt der Fußballbetrieb erfahrungsgemäß schon schnell genug –, aber solche Aktionen machen Lust auf mehr. Bayer hatte gerade in der Anfangsphase einen klaren Plan, trat selbstbewusst auf und verdiente sich die Führung auch über die folgenden Minuten hinweg.
Newcastle kam danach allerdings besser ins Spiel. Besonders kurios war zunächst, dass die Engländer nach der ersten Trinkpause geschlossen ihre Trikots wechselten, weil ihre schwarz-weißen Shirts offenbar zu schwer von den blau-beigen Bayer-Trikots zu unterscheiden waren. Auch so etwas erlebt man nicht bei jeder Generalprobe. Der neue Dress schien Newcastle jedenfalls nicht zu schaden. Die Gastgeber wurden stärker und kamen kurz vor der Pause zum Ausgleich. Nach einer Ecke stieg Malick Thiaw am zweiten Pfosten am höchsten und köpfte das 1:1. Das war ärgerlich, denn Bayer hatte zuvor insgesamt einen guten Eindruck hinterlassen. Gleichzeitig war es wieder ein kleiner Hinweis darauf, dass Standardsituationen eben keine dekorative Unterbrechung des Spiels sind. Gerade wenn eine Partie eng ist, können genau solche Szenen den Unterschied machen. Lieber jetzt daran erinnert werden als im Pokal.
Nach der Pause gefiel mir Bayer erneut gut. Die Werkself hatte mehr Ballbesitz, wirkte spielerisch gefälliger und setzte sich phasenweise rund um den Newcastle-Strafraum fest. Dass dabei nicht ständig Großchancen entstanden, gehört allerdings auch zur Wahrheit. Genau an diesem Punkt hatte ich schon nach Nottingham meine Zweifel: Es sieht teilweise ordentlich aus, aber ordentlich ist eben noch nicht automatisch gefährlich. Positiv fiel Afonso Moreira auf, der über links mit seinen Einzelaktionen mehrfach für Unruhe sorgte und die besten Leverkusener Möglichkeiten vorbereitete beziehungsweise selbst einleitete. Moreira bringt Tempo, Mut und dieses direkte Element mit, das einem Angriff manchmal fehlt, wenn sich alle gegenseitig noch einen zusätzlichen Pass anbieten. Solche Spieler braucht man, gerade wenn der Gegner tief steht und sich ein Spiel festgefahren hat.
Und dann kam Victor Boniface. Seine Vorbereitung war bislang immer wieder von der Frage begleitet worden, wie weit er körperlich wirklich ist und ob er wieder an die Form anknüpfen kann, die ihn einst so wertvoll für Bayer gemacht hat. Gegen Newcastle brauchte er keine zwei Minuten. Von links zog er in den Strafraum, ließ seinen Gegenspieler mit einer Finte stehen und schlenzte den Ball ins lange Eck. 2:1. Ein wunderschöner Treffer – und wahrscheinlich vor allem für Boniface selbst ein enorm wichtiger. Nach einer schwierigen Phase kann ein einziges Tor natürlich nicht alle Fragen beantworten. Aber manchmal braucht ein Stürmer genau diesen einen Moment, in dem wieder alles selbstverständlich aussieht. Kein Nachdenken, kein Zögern, einfach eine Aktion und Abschluss. Ich hoffe sehr, dass dieser Treffer bei ihm mehr auslöst als nur einen schönen Eintrag in der Statistik eines Vorbereitungsspiels.
Dass Newcastle kurz vor Schluss noch eine gute Möglichkeit zum Ausgleich hatte, gehört ebenfalls zur vollständigen Betrachtung. Perfekt war das Spiel nicht. Aber Bayer gewann verdient, beendete die Vorbereitung mit sechs Siegen und nur einer Niederlage und zeigte unmittelbar vor dem Pflichtspielstart noch einmal einige Dinge, die Mut machen. Maza mit einem sehenswerten Treffer, Moreira erneut auffällig, Boniface mit einem Tor, das ihm vermutlich besonders guttun wird, und insgesamt eine Mannschaft, bei der langsam erkennbarer wird, was Carles Martínez spielen lassen möchte. Noch ist nicht alles rund. Die Dominanz muss häufiger in klare Torchancen umgemünzt werden, und auch defensiv gibt es weiterhin Situationen, die mir etwas zu leicht entstehen.
Aber irgendwann ist Vorbereitung eben vorbei. Am kommenden Wochenende wartet mit Wehen Wiesbaden im DFB-Pokal das erste Spiel, bei dem niemand mehr hinterher sagen kann, es sei ja nur ein Test gewesen. Genau deshalb gefällt mir dieses 2:1 in Newcastle. Nicht weil ich glaube, dass damit alle Fragen beantwortet sind, sondern weil Bayer unmittelbar vor dem Start noch einmal gezeigt hat, dass Qualität, Ideen und Optionen vorhanden sind. Jetzt müssen daraus Ergebnisse werden.
Und wenn Boniface beschlossen haben sollte, ausgerechnet jetzt wieder richtig Spaß am Toreschießen zu bekommen, hätte ich gegen dieses Timing nun wirklich nichts einzuwenden.