Jetzt ist sie also da, die erste Niederlage der Saisonvorbereitung. Bayer 04 verliert mit 1:2 bei Nottingham Forest, und natürlich werde ich deshalb nicht anfangen, den Saisonstart innerlich abzusagen. Ein Testspiel im August bleibt ein Testspiel im August. Trotzdem sind solche Partien interessant, weil sie manchmal mehr verraten als ein souveränes 5:0 gegen einen deutlich schwächeren Gegner. Und mein Eindruck nach diesem Abend ist ziemlich klar: Carles Martínez hat noch einiges zu sortieren, bevor aus vielen guten Einzelteilen eine wirklich überzeugende Mannschaft wird. Bayer geriet schon nach wenigen Minuten in Rückstand, Patrik Schick glich nach gut einer halben Stunde aus und alles deutete lange auf ein Remis hin. Dann kam die 90. Minute, Arnaud Kalimuendo köpfte Nottingham zum Sieg und plötzlich war dieses angeblich völlig unwichtige Testspielergebnis doch ein kleines bisschen ärgerlicher, als ich mir vorher eingeredet hatte.
Martínez hatte seine Mannschaft im Vergleich zum 2:1 gegen Sevilla kräftig umgebaut und gleich sieben Positionen verändert. Das muss man bei der Bewertung natürlich berücksichtigen. Nur Loïc Badé, Jeanuel Belocian, Ezequiel Fernández und Ibrahim Maza blieben in der Startelf, Miguel Gutiérrez durfte nach seinen ersten Minuten gegen Sevilla erstmals von Beginn an ran. Der Start war allerdings alles andere als gelungen. Morgan Gibbs-White durfte flanken, Dan Ndoye verwertete in der Mitte und schon nach vier Minuten lag Bayer hinten. Natürlich muss man daraus keine Staatskrise machen, aber besonders begeistert bin ich von frühen Gegentoren auch in der Vorbereitung nicht. Immerhin kam die Werkself danach besser ins Spiel. Ernest Poku hatte nach Vorlage von Malik Tillman eine erste Gelegenheit, Schick köpfte nach einer Gutiérrez-Flanke knapp vorbei und dann fiel der Ausgleich. Badé unterband einen Konter, Fernández steckte stark auf Schick durch und der Tscheche lupfte den Ball zum 1:1 ins Tor. Schick macht derzeit ziemlich genau das, was ein Mittelstürmer machen soll: Tore. Gegen Sevilla zweimal getroffen, jetzt wieder erfolgreich. Während sich manche Abläufe im Team noch etwas suchen, scheint Schick seinen persönlichen Vorbereitungsplan bereits gefunden zu haben. Ball bekommen, Tor machen. Kann man so machen.
Was mir weniger gefallen hat, war das, was danach kam. Martínez wechselte zur Pause dreifach, Nottingham sogar die komplette Mannschaft. Dass dadurch nicht gerade Champions-League-Rhythmus entsteht, versteht sich von selbst. Trotzdem blieb Bayer im zweiten Durchgang offensiv erstaunlich blass. Nottingham hatte durch Nicolás Domínguez die beste Chance, Janis Blaswich rettete stark. Auf Leverkusener Seite versuchte Martínez mit Christian Kofane, Jonas Hofmann, Aleix Garcia und später auch Victor Boniface noch einmal frische Impulse zu setzen. Frische Beine waren also genügend auf dem Platz. Frische Ideen leider deutlich weniger. Genau das ist für mich der entscheidende Punkt dieses Spiels. Es mangelte nicht an Namen und auch nicht an offensiver Qualität auf dem Papier. Aber Bayer schaffte es über lange Phasen nicht, daraus echten Druck, klare Chancen und eine erkennbare Dominanz zu entwickeln. Man hatte den Eindruck, dass vieles ordentlich aussah, aber eben nicht zwingend. Und ordentlich allein gewinnt selten Fußballspiele.
Dann kam diese letzte Minute, die man in einem Testspiel eigentlich locker wegstecken möchte. Luca Netz brachte einen Freistoß hinein, Kalimuendo verlängerte per Kopf und plötzlich stand es 2:1 für Nottingham. Ärgerlich, ja. Dramatisch, nein. Vielleicht ist diese Niederlage für Martínez sogar wertvoller als ein weiterer Vorbereitungssieg. Denn sie legt Probleme offen, die sich schon gegen Sevilla angedeutet hatten. Auch dort brauchte Bayer lange, um offensiv wirklich gefährlich zu werden. Damals kamen Schick und die Einwechselspieler und drehten das Spiel. In Nottingham reichte der Schick-Treffer diesmal nur zum zwischenzeitlichen Ausgleich. Daraus würde ich noch keine große Entwicklung ableiten, aber eine Tendenz ist erkennbar: Bayer besitzt viel Qualität, findet aber noch nicht konstant die richtige Struktur, um diese Qualität auch auf den Platz zu bringen. Zu oft sieht das Spiel sauber aus, ohne wirklich weh zu tun. Ballbesitz ist schön. Kontrolle wäre schöner. Und fünf gute Offensivspieler auf dem Platz sind noch lange keine funktionierende Offensive.
Der abschließende Test bei Newcastle United wird deshalb interessanter, als mir ein weiteres Vorbereitungsspiel normalerweise wäre. Nicht weil ich unbedingt einen Sieg brauche, sondern weil danach die Zeit der Experimente langsam vorbei ist. Eine Woche später wartet Wehen Wiesbaden im DFB-Pokal, und spätestens dann zählen keine Sommererklärungen mehr. Martínez muss noch kein perfektes Kunstwerk präsentieren, aber ich würde gerne klarer erkennen, wohin die Reise geht. Die positiven Punkte sind vorhanden: Schick trifft zuverlässig, Fernández war erneut an einem wichtigen Moment beteiligt, Gutiérrez sammelt Spielpraxis und der Trainer bekommt viele Erkenntnisse über seinen Kader. Aber diese Niederlage war eben auch eine kleine Erinnerung daran, dass der Pflichtspielstart näher rückt.
Mich stört das 1:2 gegen Nottingham deshalb deutlich weniger als die Frage, warum Bayer dieses Spiel verloren hat. Im Moment sehe ich eine Mannschaft mit viel individueller Qualität, aber noch nicht mit genügend Selbstverständlichkeit im Zusammenspiel. Im August darf das so sein. In ein paar Wochen sollte es anders aussehen. Und wenn Patrik Schick bis dahin einfach weitertrifft, hätte ich gegen diese Übergangslösung zunächst auch nichts einzuwenden.