Man kann eine neue Bundesliga-Saison mit einem Auswärtsspiel beim Aufsteiger beginnen und dabei vieles erleben. Euphorische Gastgeber. Ein enges Stadion. Einen Gegner, der jeden Zweikampf so führt, als hinge die gesamte Vereinsgeschichte daran. Alles bekannt, alles erwartbar. Was man als Bayer 04 allerdings nicht unbedingt machen sollte: nach zehn Minuten 0:2 zurückliegen und dabei aussehen, als hätte einem niemand gesagt, dass die Saison bereits begonnen hat. Genau das ist in Elversberg passiert. Am Ende verlieren wir 2:3, obwohl Patrik Schick und Christian Kofane in der Schlussphase noch einmal Hoffnung aufkommen ließen. Und so sehr ich normalerweise bemüht bin, nach Niederlagen nicht sofort den großen Untergang auszurufen: Das war ein Bundesliga-Auftakt, der mir deutlich mehr Sorgen bereitet als irgendein verlorenes Vorbereitungsspiel.
Carles Martínez hatte gegenüber dem souveränen 4:0 im Pokal in Wiesbaden nur im Tor gewechselt. Mark Flekken übernahm wie erwartet für Janis Blaswich. Viel Kontinuität also – zumindest auf dem Papier. Auf dem Platz war davon zunächst wenig zu erkennen. Elversberg begann aggressiv, schnell und mit einer Selbstverständlichkeit, die eigentlich ich von Bayer erwartet hatte. Nach acht Minuten traf Lukas Petkov zur Führung, nur zwei Minuten später legte Cole Campbell das 2:0 nach. Beim zweiten Gegentor half Edmond Tapsoba mit einem kapitalen Fehlpass kräftig mit. Nach einer Viertelstunde hätte es sogar 0:3 stehen können. Flekken und seine Mitspieler verhinderten Schlimmeres. Wenn nach 15 Minuten das Beste am eigenen Spiel darin besteht, dass man nur mit zwei Toren zurückliegt, läuft irgendetwas grundsätzlich schief.
Was mich dabei besonders gestört hat, war weniger der Rückstand selbst als die Art und Weise. Elversberg wirkte wacher, entschlossener und gedanklich schneller. Bayer brauchte gefühlt 20 Minuten, um überhaupt zu verstehen, was für ein Spiel hier gerade stattfand. Natürlich darf ein Aufsteiger euphorisch beginnen. Natürlich kann man sich auch einmal einen frühen Gegentreffer fangen. Aber wenn der vermeintliche Favorit in der Anfangsviertelstunde bei den Abschlüssen praktisch nicht stattfindet und der Bundesliga-Neuling eine Gelegenheit nach der anderen bekommt, dann ist das keine kleine Unachtsamkeit mehr. Das ist ein Fehlstart mit Ansage. Später kam Bayer etwas besser hinein. Loïc Badé köpfte knapp vorbei, Aleix Garcias abgefälschter Freistoß krachte an die Latte. Immerhin. Zur Pause lag man trotzdem 0:2 hinten, und ehrlich gesagt war dieses Ergebnis noch ziemlich freundlich.
Wer gehofft hatte, Martínez würde seine Mannschaft in der Kabine wachrütteln, bekam genau 25 Sekunden Zeit für diesen Gedanken. Dann stand es 0:3. David Mokwa setzte sich im Strafraum durch und schob ein. Ich glaube, in diesem Moment dürfte selbst der optimistischste Bayer-Fan kurz überprüft haben, ob das wirklich der erste Bundesliga-Spieltag oder irgendein besonders schlechter Traum war. Bemerkenswert war zudem, dass Martínez zunächst ohne personelle Veränderungen aus der Pause gekommen war. Erst nach dem dritten Gegentreffer reagierte er mit einem Dreifachwechsel. Doch auch die neuen Spieler konnten zunächst wenig verändern. Bayer hatte mehr vom Ball, aber gegen die dicht gestaffelten Elversberger fehlten lange die Ideen und die Präzision, um daraus wirkliche Torgefahr zu entwickeln.
Und dann geschah doch noch etwas, das zumindest ein bisschen Hoffnung macht. Patrik Schick erzielte in der 77. Minute technisch stark das 1:3. Plötzlich bekam Bayer Druck auf das Spiel, plötzlich wurden die Aktionen schneller und entschlossener. In der Nachspielzeit traf Kofane nach einem vorherigen Lattentreffer von Boniface sogar zum 2:3. Und nur eine Minute später hatte Jonas Hofmann tatsächlich noch die Chance zum Ausgleich, scheiterte aber an Elversbergs Torwart Nicolas Kristof. Dass Bayer nach einem 0:3 überhaupt noch einmal in die Nähe eines Punktes kam, spricht zumindest dafür, dass sich die Mannschaft nicht völlig aufgegeben hat. Aber ich weigere mich, daraus eine Heldengeschichte zu machen. Wer erst in der Schlussviertelstunde richtig beginnt, Bundesliga zu spielen, hat zuvor schlicht zu viel falsch gemacht. Die Aufholjagd war schön, aber sie darf die ersten 75 Minuten nicht überdecken.
Genau deshalb möchte ich diese Niederlage auch nicht mit dem üblichen Hinweis abheften, dass eine Saison 34 Spieltage hat. Natürlich hat sie das. Und natürlich entscheidet ein 2:3 in Elversberg nicht über die nächsten neun Monate. Aber der erste Spieltag liefert trotzdem Hinweise. Mir fehlt derzeit noch die Stabilität, die Selbstverständlichkeit und vor allem die defensive Verlässlichkeit. In der Vorbereitung hatten wir schon gesehen, dass Bayer teilweise viel Ballbesitz hat, ohne daraus genügend Gefahr zu entwickeln. In Elversberg kam nun noch hinzu, dass die Mannschaft zu Beginn überhaupt keinen Zugriff bekam. Das ist eine unangenehme Kombination. Wenn man vorne lange braucht, um gefährlich zu werden, darf man hinten nicht gleichzeitig Geschenke verteilen.
Martínez steht damit sehr früh vor seiner ersten echten Bewährungsprobe. Gegen Union Berlin folgt das erste Heimspiel der Saison. Da möchte ich keine große Revolution sehen, sondern etwas viel Einfacheres: eine Mannschaft, die vom Anpfiff an da ist. Zweikämpfe annimmt. Konzentration zeigt. Den Gegner ernst nimmt. Und nicht erst nach drei Gegentoren feststellt, dass Punkte verteilt werden.
Ich werde wegen eines verlorenen Auftaktspiels nicht gleich die Saison abschreiben. Dafür bin ich lange genug Bayer-Fan – und vermutlich auch leidgeprüft genug. Aber ich werde dieses 2:3 auch nicht schönreden. Ein Bundesliga-Aufsteiger darf uns schlagen. Er darf uns aber nicht eine Stunde lang vorführen und dabei so aussehen lassen, als wäre er der erfahrene Bundesligist und wir der nervöse Neuling.
Die Saison ist gerade einmal 90 Minuten alt. Gut so. Denn nach diesen 90 Minuten haben wir noch eine ganze Menge zu verbessern.
Niemals Meister (tut zwar weh) - ein Blog als Fan von Bayer 04
Samstag, 29. August 2026
2:3 in Elversberg – schlimmer kann ein Bundesliga-Start kaum aussehen
Samstag, 22. August 2026
4:0 in Wiesbaden – erst Geduldsprobe, dann doch ziemlich souverän
Pokal, erste Runde, auswärts bei einem Drittligisten – ich habe in meinem Leben als Bayer-04-Fan genügend solcher Spiele gesehen, um zu wissen, dass man vor dem Anpfiff besser nicht über die Höhe des Sieges diskutiert. Dafür ist dieser Wettbewerb schlicht zu eigenartig. Am Ende steht diesmal ein 4:0 bei Wehen Wiesbaden, Carles Martínez gewinnt sein erstes Pflichtspiel als Bayer-Trainer und wir ziehen völlig verdient in die zweite Runde ein. Klingt nach einem entspannten Samstagnachmittag. Ganz so gemütlich war es allerdings nicht, zumindest nicht in der ersten Halbzeit. Bayer hatte zwar deutlich mehr vom Ball, biss sich aber lange an einem sehr kompakten Wiesbadener Defensivblock die Zähne aus. Viel Ballbesitz, wenig Durchkommen – dieses Muster kennen wir aus der Vorbereitung inzwischen ganz gut. Dass am Ende 71 Prozent Ballbesitz, 19 Torschüsse und ein xGoals-Wert von 1,93 zu Buche standen, zeigt zwar die klare Überlegenheit, erzählt aber eben nicht die ganze Geschichte dieser Partie.
Martínez blieb bei der Viererkette, die er schon während der Vorbereitung häufig hatte spielen lassen. Vor Janis Blaswich führte der neue Kapitän Edmond Tapsoba die Defensive an, im Mittelfeld spielten Ezequiel Fernández und Aleix Garcia, davor Malik Tillman. Ibrahim Maza begann rechts, links durften Miguel Gutiérrez und Afonso Moreira bei ihrem Pflichtspieldebüt ran, ganz vorne Patrik Schick. Gerade auf der linken Seite war früh zu erkennen, dass dort einiges entstehen kann. Gutiérrez fand Schick bereits nach 14 Minuten mit einer präzisen Flanke, doch der Treffer zählte wegen Abseits nicht. Bayer hatte in der Anfangsviertelstunde rund drei Viertel Ballbesitz, wirklich gefährlich wurde es trotzdem nur selten. Wiesbaden stand tief, arbeitete konzentriert und erinnerte uns daran, dass ein Drittligist in der ersten Pokalrunde normalerweise nicht freiwillig den roten Teppich ausrollt. Auch einige Unsauberkeiten im Passspiel halfen nicht unbedingt dabei, die Sache einfacher zu machen. Und so begann ich innerlich schon jene unangenehme Pokalrechnung aufzustellen: 0:0 zur Pause, der Außenseiter glaubt immer stärker an die Sensation und irgendwann fliegt ein abgefälschter Freistoß ins lange Eck. Patrik Schick hatte glücklicherweise keine Lust auf dieses Drehbuch. Nach einem geblockten Maza-Schuss stand er in der 43. Minute genau dort, wo ein Mittelstürmer stehen soll, und staubte zum 1:0 ab.
Und nach der Pause wurde aus der Geduldsprobe ziemlich schnell eine klare Angelegenheit. Wieder kam Gutiérrez über links zum Flanken, Schicks Kopfball konnte Wiesbadens Torhüter noch abwehren, aber Lucas Vázquez stand beim Nachschuss bereit und machte bereits in der 47. Minute das 2:0. Ab diesem Moment war die Luft weitgehend raus. Bayer kontrollierte die Partie, Wehen kam kaum noch gefährlich nach vorne und Martínez konnte beginnen, Minuten zu verteilen. Das gefiel mir fast besser als ein hektisches Spektakel. Nicht jeder Pokalsieg muss ein Fußballkunstwerk sein. Manchmal reicht es völlig, wenn der Bundesligist irgendwann seine höhere individuelle Qualität durchsetzt und anschließend dafür sorgt, dass der Gegner nicht mehr ernsthaft zurück ins Spiel kommt. Besonders schön war, dass auch die Einwechselspieler sofort Akzente setzten. Nathan Tella erhöhte in der 69. Minute auf 3:0, nachdem Maza den Ball sehenswert mit der Hacke abgelegt hatte. Zehn Minuten später durfte auch Christian Kofane jubeln. Moreira setzte sich mit einem Vollsprint über links durch und servierte den Ball so präzise, dass Kofane nur noch zum 4:0 einschieben musste. Dazu kamen mit Jarell Quansah und Exequiel Palacios Spieler zu ihren ersten Einsätzen der Saison, während Facundo Medina sein Bayer-Debüt feierte.
Was nehme ich also aus diesem ersten Pflichtspiel mit? Zunächst einmal das Wichtigste: Wir sind weiter. Ohne Verlängerung, ohne Elfmeterschießen und vor allem ohne diese spezielle Pokalpanik, bei der man nach 83 Minuten gegen einen Drittligisten plötzlich feststellt, dass der eigene Puls irgendwo im Champions-League-Finale angekommen ist. Dazu vier verschiedene Torschützen, gute Impulse von der Bank und mehrere Neuzugänge, die direkt ihre ersten Pflichtspielminuten sammeln konnten. Besonders Moreira gefällt mir weiterhin, weil er etwas Unmittelbares in seinem Spiel hat. Er sucht das Eins-gegen-eins, geht ins Tempo und versucht nicht aus jedem Angriff zunächst eine wissenschaftliche Untersuchung über die optimale Passfolge zu machen. Auch Gutiérrez deutete mit seinen Flanken an, welche Qualität er auf der linken Seite einbringen kann. Und Schick? Der macht derzeit einfach weiter, wo er in der Vorbereitung aufgehört hat: Er trifft. Von mir aus darf sich diese Gewohnheit gerne noch einige Monate halten.
Trotzdem war nicht alles so überzeugend, wie das Endergebnis vermuten lässt. Gerade vor der Pause hatte Bayer erneut Schwierigkeiten, aus viel Ballbesitz genügend klare Torchancen zu entwickeln. Das war schon in den Testspielen ein Thema und wird gegen Bundesligisten noch wichtiger werden. Wenn ein Gegner tief steht, brauchen wir mehr Tempo in den Kombinationen und mehr Konsequenz im letzten Drittel. Gegen Wiesbaden hat die individuelle Klasse schließlich gereicht. Gegen stärkere Gegner wird man nicht immer darauf warten können, dass Schick kurz vor der Pause zufällig am richtigen Ort steht.
Aber für den ersten Pflichtspieltag unterschreibe ich dieses 4:0 ohne jede Diskussion. Martínez hat sein Debüt gewonnen, die neuen Spieler haben erste positive Eindrücke hinterlassen und Bayer ist ohne größere Aufregung in Runde zwei eingezogen. Jetzt wartet mit Elversberg der Bundesliga-Auftakt, und damit beginnt die Saison endgültig. Bis dahin nehme ich aus Wiesbaden vor allem eine beruhigende Erkenntnis mit: Eine Halbzeit lang ein bisschen nerven und anschließend souverän gewinnen – wenn das unser neues Pokalkonzept ist, kann ich damit leben.
Sonntag, 16. August 2026
2:1 in Newcastle – Boniface trifft, Maza knallt und die Generalprobe macht Mut
Wenn eine Vorbereitung mit sechs Siegen aus sieben Spielen endet, könnte man natürlich auf die Idee kommen, dass alles bestens läuft. Als langjähriger Bayer-04-Fan weiß ich allerdings, dass genau solche Gedanken gefährlich sind. Fußball hat die unangenehme Angewohnheit, übertriebene Zuversicht ziemlich zuverlässig zu bestrafen. Trotzdem: Das 2:1 bei Newcastle United war eine Generalprobe, mit der ich deutlich besser leben kann als mit dem etwas zähen 1:2 wenige Tage zuvor in Nottingham. Nicht nur wegen des Ergebnisses, sondern weil Bayer über weite Strecken einen ordentlichen Eindruck hinterließ, das Spiel über längere Phasen kontrollierte und mit Ibrahim Maza und Victor Boniface zwei Torschützen hatte, deren Treffer aus unterschiedlichen Gründen besonders interessant waren.
Dabei dauerte es nicht einmal eine Minute, bis Bayer 04 ein erstes Ausrufezeichen setzte. Christian Kofane und Maza kombinierten sich vor den Strafraum, dann nahm Maza Maß und jagte den Ball aus rund 20 Metern unter die Latte. So darf man eine Generalprobe gerne beginnen. Viel Zeit zum Nachdenken bleibt dem Gegner da jedenfalls nicht. Für mich war dieser Treffer mehr als nur ein schönes Tor in einem Testspiel. Maza zeigt immer wieder, dass er technisch und spielerisch etwas mitbringt, was dieser Mannschaft sehr guttun kann. Natürlich muss man einen jungen Spieler in einer Vorbereitung nicht gleich zum neuen Weltstar erklären – das erledigt der Fußballbetrieb erfahrungsgemäß schon schnell genug –, aber solche Aktionen machen Lust auf mehr. Bayer hatte gerade in der Anfangsphase einen klaren Plan, trat selbstbewusst auf und verdiente sich die Führung auch über die folgenden Minuten hinweg.
Newcastle kam danach allerdings besser ins Spiel. Besonders kurios war zunächst, dass die Engländer nach der ersten Trinkpause geschlossen ihre Trikots wechselten, weil ihre schwarz-weißen Shirts offenbar zu schwer von den blau-beigen Bayer-Trikots zu unterscheiden waren. Auch so etwas erlebt man nicht bei jeder Generalprobe. Der neue Dress schien Newcastle jedenfalls nicht zu schaden. Die Gastgeber wurden stärker und kamen kurz vor der Pause zum Ausgleich. Nach einer Ecke stieg Malick Thiaw am zweiten Pfosten am höchsten und köpfte das 1:1. Das war ärgerlich, denn Bayer hatte zuvor insgesamt einen guten Eindruck hinterlassen. Gleichzeitig war es wieder ein kleiner Hinweis darauf, dass Standardsituationen eben keine dekorative Unterbrechung des Spiels sind. Gerade wenn eine Partie eng ist, können genau solche Szenen den Unterschied machen. Lieber jetzt daran erinnert werden als im Pokal.
Nach der Pause gefiel mir Bayer erneut gut. Die Werkself hatte mehr Ballbesitz, wirkte spielerisch gefälliger und setzte sich phasenweise rund um den Newcastle-Strafraum fest. Dass dabei nicht ständig Großchancen entstanden, gehört allerdings auch zur Wahrheit. Genau an diesem Punkt hatte ich schon nach Nottingham meine Zweifel: Es sieht teilweise ordentlich aus, aber ordentlich ist eben noch nicht automatisch gefährlich. Positiv fiel Afonso Moreira auf, der über links mit seinen Einzelaktionen mehrfach für Unruhe sorgte und die besten Leverkusener Möglichkeiten vorbereitete beziehungsweise selbst einleitete. Moreira bringt Tempo, Mut und dieses direkte Element mit, das einem Angriff manchmal fehlt, wenn sich alle gegenseitig noch einen zusätzlichen Pass anbieten. Solche Spieler braucht man, gerade wenn der Gegner tief steht und sich ein Spiel festgefahren hat.
Und dann kam Victor Boniface. Seine Vorbereitung war bislang immer wieder von der Frage begleitet worden, wie weit er körperlich wirklich ist und ob er wieder an die Form anknüpfen kann, die ihn einst so wertvoll für Bayer gemacht hat. Gegen Newcastle brauchte er keine zwei Minuten. Von links zog er in den Strafraum, ließ seinen Gegenspieler mit einer Finte stehen und schlenzte den Ball ins lange Eck. 2:1. Ein wunderschöner Treffer – und wahrscheinlich vor allem für Boniface selbst ein enorm wichtiger. Nach einer schwierigen Phase kann ein einziges Tor natürlich nicht alle Fragen beantworten. Aber manchmal braucht ein Stürmer genau diesen einen Moment, in dem wieder alles selbstverständlich aussieht. Kein Nachdenken, kein Zögern, einfach eine Aktion und Abschluss. Ich hoffe sehr, dass dieser Treffer bei ihm mehr auslöst als nur einen schönen Eintrag in der Statistik eines Vorbereitungsspiels.
Dass Newcastle kurz vor Schluss noch eine gute Möglichkeit zum Ausgleich hatte, gehört ebenfalls zur vollständigen Betrachtung. Perfekt war das Spiel nicht. Aber Bayer gewann verdient, beendete die Vorbereitung mit sechs Siegen und nur einer Niederlage und zeigte unmittelbar vor dem Pflichtspielstart noch einmal einige Dinge, die Mut machen. Maza mit einem sehenswerten Treffer, Moreira erneut auffällig, Boniface mit einem Tor, das ihm vermutlich besonders guttun wird, und insgesamt eine Mannschaft, bei der langsam erkennbarer wird, was Carles Martínez spielen lassen möchte. Noch ist nicht alles rund. Die Dominanz muss häufiger in klare Torchancen umgemünzt werden, und auch defensiv gibt es weiterhin Situationen, die mir etwas zu leicht entstehen.
Aber irgendwann ist Vorbereitung eben vorbei. Am kommenden Wochenende wartet mit Wehen Wiesbaden im DFB-Pokal das erste Spiel, bei dem niemand mehr hinterher sagen kann, es sei ja nur ein Test gewesen. Genau deshalb gefällt mir dieses 2:1 in Newcastle. Nicht weil ich glaube, dass damit alle Fragen beantwortet sind, sondern weil Bayer unmittelbar vor dem Start noch einmal gezeigt hat, dass Qualität, Ideen und Optionen vorhanden sind. Jetzt müssen daraus Ergebnisse werden.
Und wenn Boniface beschlossen haben sollte, ausgerechnet jetzt wieder richtig Spaß am Toreschießen zu bekommen, hätte ich gegen dieses Timing nun wirklich nichts einzuwenden.
Donnerstag, 13. August 2026
1:2 in Nottingham – Schick trifft wieder, aber Bayer sucht noch nach dem richtigen Takt
Jetzt ist sie also da, die erste Niederlage der Saisonvorbereitung. Bayer 04 verliert mit 1:2 bei Nottingham Forest, und natürlich werde ich deshalb nicht anfangen, den Saisonstart innerlich abzusagen. Ein Testspiel im August bleibt ein Testspiel im August. Trotzdem sind solche Partien interessant, weil sie manchmal mehr verraten als ein souveränes 5:0 gegen einen deutlich schwächeren Gegner. Und mein Eindruck nach diesem Abend ist ziemlich klar: Carles Martínez hat noch einiges zu sortieren, bevor aus vielen guten Einzelteilen eine wirklich überzeugende Mannschaft wird. Bayer geriet schon nach wenigen Minuten in Rückstand, Patrik Schick glich nach gut einer halben Stunde aus und alles deutete lange auf ein Remis hin. Dann kam die 90. Minute, Arnaud Kalimuendo köpfte Nottingham zum Sieg und plötzlich war dieses angeblich völlig unwichtige Testspielergebnis doch ein kleines bisschen ärgerlicher, als ich mir vorher eingeredet hatte.
Martínez hatte seine Mannschaft im Vergleich zum 2:1 gegen Sevilla kräftig umgebaut und gleich sieben Positionen verändert. Das muss man bei der Bewertung natürlich berücksichtigen. Nur Loïc Badé, Jeanuel Belocian, Ezequiel Fernández und Ibrahim Maza blieben in der Startelf, Miguel Gutiérrez durfte nach seinen ersten Minuten gegen Sevilla erstmals von Beginn an ran. Der Start war allerdings alles andere als gelungen. Morgan Gibbs-White durfte flanken, Dan Ndoye verwertete in der Mitte und schon nach vier Minuten lag Bayer hinten. Natürlich muss man daraus keine Staatskrise machen, aber besonders begeistert bin ich von frühen Gegentoren auch in der Vorbereitung nicht. Immerhin kam die Werkself danach besser ins Spiel. Ernest Poku hatte nach Vorlage von Malik Tillman eine erste Gelegenheit, Schick köpfte nach einer Gutiérrez-Flanke knapp vorbei und dann fiel der Ausgleich. Badé unterband einen Konter, Fernández steckte stark auf Schick durch und der Tscheche lupfte den Ball zum 1:1 ins Tor. Schick macht derzeit ziemlich genau das, was ein Mittelstürmer machen soll: Tore. Gegen Sevilla zweimal getroffen, jetzt wieder erfolgreich. Während sich manche Abläufe im Team noch etwas suchen, scheint Schick seinen persönlichen Vorbereitungsplan bereits gefunden zu haben. Ball bekommen, Tor machen. Kann man so machen.
Was mir weniger gefallen hat, war das, was danach kam. Martínez wechselte zur Pause dreifach, Nottingham sogar die komplette Mannschaft. Dass dadurch nicht gerade Champions-League-Rhythmus entsteht, versteht sich von selbst. Trotzdem blieb Bayer im zweiten Durchgang offensiv erstaunlich blass. Nottingham hatte durch Nicolás Domínguez die beste Chance, Janis Blaswich rettete stark. Auf Leverkusener Seite versuchte Martínez mit Christian Kofane, Jonas Hofmann, Aleix Garcia und später auch Victor Boniface noch einmal frische Impulse zu setzen. Frische Beine waren also genügend auf dem Platz. Frische Ideen leider deutlich weniger. Genau das ist für mich der entscheidende Punkt dieses Spiels. Es mangelte nicht an Namen und auch nicht an offensiver Qualität auf dem Papier. Aber Bayer schaffte es über lange Phasen nicht, daraus echten Druck, klare Chancen und eine erkennbare Dominanz zu entwickeln. Man hatte den Eindruck, dass vieles ordentlich aussah, aber eben nicht zwingend. Und ordentlich allein gewinnt selten Fußballspiele.
Dann kam diese letzte Minute, die man in einem Testspiel eigentlich locker wegstecken möchte. Luca Netz brachte einen Freistoß hinein, Kalimuendo verlängerte per Kopf und plötzlich stand es 2:1 für Nottingham. Ärgerlich, ja. Dramatisch, nein. Vielleicht ist diese Niederlage für Martínez sogar wertvoller als ein weiterer Vorbereitungssieg. Denn sie legt Probleme offen, die sich schon gegen Sevilla angedeutet hatten. Auch dort brauchte Bayer lange, um offensiv wirklich gefährlich zu werden. Damals kamen Schick und die Einwechselspieler und drehten das Spiel. In Nottingham reichte der Schick-Treffer diesmal nur zum zwischenzeitlichen Ausgleich. Daraus würde ich noch keine große Entwicklung ableiten, aber eine Tendenz ist erkennbar: Bayer besitzt viel Qualität, findet aber noch nicht konstant die richtige Struktur, um diese Qualität auch auf den Platz zu bringen. Zu oft sieht das Spiel sauber aus, ohne wirklich weh zu tun. Ballbesitz ist schön. Kontrolle wäre schöner. Und fünf gute Offensivspieler auf dem Platz sind noch lange keine funktionierende Offensive.
Der abschließende Test bei Newcastle United wird deshalb interessanter, als mir ein weiteres Vorbereitungsspiel normalerweise wäre. Nicht weil ich unbedingt einen Sieg brauche, sondern weil danach die Zeit der Experimente langsam vorbei ist. Eine Woche später wartet Wehen Wiesbaden im DFB-Pokal, und spätestens dann zählen keine Sommererklärungen mehr. Martínez muss noch kein perfektes Kunstwerk präsentieren, aber ich würde gerne klarer erkennen, wohin die Reise geht. Die positiven Punkte sind vorhanden: Schick trifft zuverlässig, Fernández war erneut an einem wichtigen Moment beteiligt, Gutiérrez sammelt Spielpraxis und der Trainer bekommt viele Erkenntnisse über seinen Kader. Aber diese Niederlage war eben auch eine kleine Erinnerung daran, dass der Pflichtspielstart näher rückt.
Mich stört das 1:2 gegen Nottingham deshalb deutlich weniger als die Frage, warum Bayer dieses Spiel verloren hat. Im Moment sehe ich eine Mannschaft mit viel individueller Qualität, aber noch nicht mit genügend Selbstverständlichkeit im Zusammenspiel. Im August darf das so sein. In ein paar Wochen sollte es anders aussehen. Und wenn Patrik Schick bis dahin einfach weitertrifft, hätte ich gegen diese Übergangslösung zunächst auch nichts einzuwenden.
Sonntag, 9. August 2026
2:1 gegen Sevilla – Schick rettet den Nachmittag, aber noch nicht die Saison
Da ist sie also wieder, diese wunderbare Jahreszeit, in der man nach einem Testspiel gleichzeitig Meisterschaftsträume entwickeln und den bevorstehenden Weltuntergang erkennen kann. Bayer 04 gewinnt bei der Saisoneröffnung mit 2:1 gegen den FC Sevilla – und natürlich nehme ich den Sieg gerne mit. Aber wer daraus schon ableiten möchte, dass unter Carles Martínez alles wunderbar ineinandergreift, sollte vielleicht noch ein paar Wochen mit dem Kauf der Meisterschale fürs Wohnzimmer warten.
Denn gerade die erste Halbzeit war durchaus ein Hinweis darauf, dass diese neue Werkself noch ziemlich viel Werkstatt vor sich hat.
Martínez veränderte seine Startelf gegenüber dem 3:0 gegen Rot-Weiss Essen gleich auf fünf Positionen. Unter anderem begannen Loïc Badé, Aleix Garcia, Montrell Culbreath, Afonso Moreira und Christian Kofane. Patrik Schick saß zunächst draußen. Sevilla erwies sich dabei schnell als der bislang deutlich ernsthaftere Prüfstein dieser Vorbereitung. Bayer musste defensiv arbeiten, fand offensiv zunächst nur schwer den richtigen Rhythmus und lag nach 16 Minuten zurück. Miguel Sierra traf aus der Distanz zum 0:1.
Natürlich ist das im August noch kein Grund, die Rollläden herunterzulassen. Aber gefallen hat mir diese Phase trotzdem nicht besonders. Mir fehlte über weite Strecken das Tempo im letzten Drittel, vor allem aber diese Selbstverständlichkeit, mit der Bayer 04 in seinen besten Zeiten einen Gegner Stück für Stück eingeschnürt hat. Die Mannschaft hatte zwar ihre Momente – Ezequiel Fernández und Jeanuel Belocian kamen vor der Pause dem Ausgleich nahe –, aber zwingend sah anders aus.
Und genau deshalb sind solche Spiele wertvoller als ein lockeres 7:0 gegen einen Gegner, bei dem nach einer Stunde der Busfahrer eingewechselt werden könnte. Sevilla hat Probleme aufgezeigt. Gut so. Lieber am 8. August als irgendwann im Oktober.
Nach der Pause wurde es besser. Bayer hatte mehr Ballbesitz, brachte zahlreiche Flanken in den Strafraum und erhöhte den Druck. Allerdings fand der Ball dort zunächst ungefähr so zuverlässig einen Leverkusener wie ich bei einer Saisoneröffnung einen freien Parkplatz direkt an der BayArena. Christian Kofane köpfte in der 58. Minute knapp vorbei.
Und dann kam Patrik Schick.
Manchmal kann Fußball erfreulich unkompliziert sein. Flanke, Schick, Kopfball, Tor. Der ebenfalls eingewechselte Neuzugang Miguel Gutiérrez bereitete bei seinem Debüt den Ausgleich in der 66. Minute vor. Dreizehn Minuten später war Schick erneut zur Stelle. Über Victor Boniface und Martin Terrier kam der Ball in den Strafraum, Schick nahm ihn direkt – 2:1. Zwei Tore innerhalb von 13 Minuten. Mehr Werbung für einen Stammplatz kann ein Mittelstürmer kaum machen.
Und für mich liegt genau darin eine der interessantesten Erkenntnisse dieses Spiels. Bayer 04 besitzt offensiv Möglichkeiten, Spiele von der Bank aus zu verändern. Schick, Boniface, Terrier, Tillman – Martínez konnte im Laufe des Spiels Qualität nachlegen. Das ist ein Luxus, den man während einer langen Saison brauchen wird. Gleichzeitig darf die Lösung natürlich nicht immer lauten: Wenn es vorne nicht funktioniert, bringen wir eben Patrik, der macht das schon.
Denn der Sieg darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass offensiv noch einiges zusammenfinden muss. Viele Flanken, viel Ballbesitz und ordentlich Druck sind schön, aber daraus muss häufiger echte Gefahr entstehen. Gerade gegen gut organisierte Gegner wird es nicht reichen, den Ball so lange um den Strafraum herumzutragen, bis Schick irgendwann freundlicherweise seinen Kopf hinhält.
Was mir dagegen gefallen hat, war die Reaktion auf den Rückstand. Die Mannschaft wurde nicht hektisch, fiel nicht auseinander und übernahm zunehmend die Kontrolle. Das klingt zunächst banal, ist es aber bei einer Mannschaft im Umbruch überhaupt nicht. Martínez verändert Strukturen, Spieler müssen Rollen neu lernen, dazu kommen neue Gesichter. Dass in dieser Phase noch nicht jeder Laufweg aussieht, als wäre er seit drei Jahren einstudiert, überrascht mich ungefähr so sehr wie eine Bayern-Schlagzeile über einen möglichen Transfer.
Etwas bitter war die personelle Begleitmusik. Montrell Culbreath musste bereits in der ersten Halbzeit raus, später erwischte es auch Robert Andrich. Gerade in einer Vorbereitung möchte man vieles testen – die Belastbarkeit der medizinischen Abteilung gehört für meinen Geschmack ausdrücklich nicht dazu.
Am Ende bleibt trotzdem ein grundsätzlich positives Gefühl. 25.193 Zuschauer sahen bei der Saisoneröffnung eine Werkself, die noch längst nicht fertig aussieht, aber gegen einen ernsthaften Gegner ein Spiel drehen konnte. Das ist mehr wert als irgendein Vorbereitungsergebnis gegen einen überforderten Sparringspartner.
Die nächsten Tests in England werden noch einmal zeigen, wie weit Bayer wirklich ist. Für mich ist nach Sevilla jedenfalls klar: Es funktioniert noch nicht alles, manches wirkt noch unfertig, und der neue Bayer-Fußball braucht Zeit. Aber Qualität ist vorhanden – und mit Patrik Schick haben wir glücklicherweise einen Mann, der gelegentlich dafür sorgt, dass man über die Baustellen nach einem Sieg deutlich entspannter diskutieren kann.
2:1 gewonnen, Erkenntnisse gesammelt, Schick trifft doppelt. Für Anfang August reicht mir das vollkommen. Die Meisterschale lasse ich trotzdem noch im Laden.
Freitag, 7. August 2026
Bundesliga 2026/27 – die niemalsmeister.de Saisonprognose
Zwischen Hoffnung und Hochrechnung: Meine Bundesliga-Prognose 2026/27
Die Bundesliga startet wieder, und natürlich habe ich mir vorgenommen, diesmal völlig nüchtern, objektiv und ohne jede schwarz-rote Verklärung auf die neue Saison zu schauen. Das hat ungefähr bis zu dem Moment funktioniert, als ich Bayer 04 in meine Tabelle einsortieren musste.
Hinter uns liegt schließlich eine Saison, die in Leverkusen eher unter „Ernüchterung“ als unter „Fortsetzung der Erfolgsgeschichte“ abgeheftet wurde. Platz sechs, zwei Trainer und deutlich mehr Gegentore als uns lieb sein konnte: Nach den berauschenden Alonso-Jahren fühlte sich das streckenweise an wie der Morgen nach einer sehr langen Meisterfeier. Man weiß noch, dass es schön war, aber der Kopf dröhnt.
Nun übernimmt Carles Martínez. Neuer Trainer, neue Ideen, erneut Bewegung im Kader. Nach Erik ten Hag und Kasper Hjulmand ist Martínez bereits der dritte Bayer-Coach innerhalb eines Jahres. Kontinuität sieht anders aus. Trotzdem hoffe ich, dass der Spanier aus einer talentierten Mannschaft wieder eine echte Einheit formt. Die Qualität ist vorhanden. Sie muss nur häufiger gleichzeitig auf dem Platz erscheinen.
So sieht meine Abschlusstabelle aus – selbstverständlich ohne Gewähr, aber mit reichlich Fanbrille.
Ganz oben: Meisterschaft und Champions League
1. Bayern München
Ich würde gern etwas Originelleres schreiben. Aber nach 122 Toren und 89 Punkten in der vergangenen Saison müsste ich schon beide Augen schließen, um die Bayern nicht erneut auf Platz eins zu setzen. Der Kader ist breit, teuer und erschreckend gut. Vincent Kompany hat aus dem zeitweiligen Münchner Durcheinander wieder eine ziemlich zuverlässige Titelmaschine gebaut. Vielleicht geraten sie intern noch über eine unglückliche Sitzordnung beim Mannschaftsessen aneinander. Sportlich bleibt die Konkurrenz aber zunächst hinter ihnen.
2. Borussia Dortmund
Niko Kovač hat Dortmund nicht glamouröser, aber stabiler gemacht. Platz zwei und die beste Abwehr der Liga waren keine Zufallsprodukte. Der BVB wird weniger Spektakel liefern, dafür häufiger die Spiele gewinnen, die er früher mit einer Mischung aus Nachlässigkeit und Selbstsabotage aus der Hand gegeben hätte. Für Bayern reicht es noch nicht, aber Dortmund bleibt der erste Verfolger.
3. RB Leipzig
Ole Werner führte Leipzig auf Platz drei und musste trotzdem gehen. Das ist ungefähr so, als würde man einen Koch entlassen, weil das Essen zwar schmeckt, aber nicht fotogen genug angerichtet ist. Martín Demichelis übernimmt eine Mannschaft mit viel Tempo und Talent. Der Trainerwechsel birgt Risiken, dennoch ist der Kader stark genug für die Champions League.
4. Bayer 04 Leverkusen
Ja, ich setze uns auf Platz vier. Nicht, weil nach Platz sechs plötzlich wieder alles glänzt, sondern weil ich dieser Mannschaft mehr zutraue, als sie zuletzt gezeigt hat. Patrik Schick trifft, Ibrahim Maza besitzt enormes Potenzial, und auch die jungen Neuzugänge bringen Fantasie mit. Gleichzeitig fehlen nach den Abgängen von Alejandro Grimaldo etc. wichtige Säulen.
Carles Martínez möchte offensiven, mutigen Fußball spielen. Das gefällt mir. Allerdings sollte Mut nicht erneut bedeuten, dass bei jedem Ballverlust drei gegnerische Angreifer freie Fahrt auf unser Tor haben. Gelingt Martínez die Balance, kehren wir in die Champions League zurück. Für den Titelkampf fehlt mir nach diesem erneuten Umbruch noch das Vertrauen. Meine Fanbrille ist schwarz-rot, aber nicht blickdicht.
Europa im Blick
5. VfB Stuttgart
Sebastian Hoeneß hat Stuttgart dauerhaft in der Spitzengruppe etabliert. Die Mannschaft spielt klaren, technisch starken Fußball und wirkt inzwischen erstaunlich krisenfest. Die zusätzliche Belastung durch die Champions League kostet allerdings Punkte. Platz fünf ist keine Schwäche, sondern inzwischen fast schon schwäbische Planungssicherheit.
6. TSG Hoffenheim
Hoffenheim war die positive Überraschung der Vorsaison. Christian Ilzer hat aus einem Abstiegskandidaten einen Europapokalteilnehmer gemacht. Die Doppelbelastung wird zeigen, wie belastbar dieser Aufschwung wirklich ist. Für die erneute Champions-League-Nähe reicht es nicht ganz, für Europa aber schon.
7. Eintracht Frankfurt
Adi Hütter ist zurück, und in Frankfurt hofft man auf eine Fortsetzung der alten Erfolgsgeschichte. Die Eintracht verfügt über genügend Qualität, um wieder nach Europa zu kommen. Sie besitzt aber auch das Talent, innerhalb einer Woche begeisternden Fußball, ein wildes 3:3 und eine unerklärliche Heimniederlage zu produzieren. Platz sieben passt deshalb ziemlich gut.
8. SC Freiburg
Freiburg bleibt Freiburg: klug geführt, unangenehm zu bespielen und meistens stärker, als man es vor der Saison erwartet. Julian Schuster hat den Übergang nach Christian Streich beeindruckend bewältigt. Nach der langen Europapokalsaison dürfte diesmal etwas Kraft fehlen. Für die obere Tabellenhälfte reicht es trotzdem.
Das große Mittelfeld
9. Mainz 05
Urs Fischer hat Mainz aus dem Tabellenkeller geführt und wieder zu einer Mannschaft gemacht, gegen die niemand gern spielt. Mit einer vollständigen Vorbereitung wird sein Einfluss noch deutlicher. Für Europa fehlt etwas individuelle Klasse, für einen ruhigen Mittelfeldplatz aber nicht.
10. FC Augsburg
Nach dem kurzen und wenig erfolgreichen Kapitel Sandro Wagner hat Manuel Baum den Verein stabilisiert. Augsburg wird auch diesmal weder besonders schön noch besonders bequem sein. Gegen den FCA zu spielen, fühlt sich häufig an wie eine Wanderung mit einem Stein im Schuh: irgendwie machbar, aber dauerhaft unangenehm.
11. Hamburger SV
Der HSV hat sein erstes Jahr nach der Rückkehr ordentlich überstanden. Die große Euphorie ist einer vorsichtigen Normalität gewichen – was in Hamburg vermutlich schon als historische Entwicklung gelten darf. Merlin Polzin hält die Mannschaft zusammen, der nächste Schritt nach oben kommt aber noch nicht.
12. Borussia Mönchengladbach
Unter Eugen Polanski haben sich die Fohlen stabilisiert. Mehr aber auch noch nicht. Gladbach besitzt genügend Qualität für sorgenfreie Phasen, aber zu wenig Konstanz für Europa. Wahrscheinlich wechseln sich begeisternde Heimsiege und rätselhafte Niederlagen so zuverlässig ab wie die Farben auf einer Verkehrsampel.
13. Schalke 04
Schalke ist endlich wieder da. Der Aufstieg als Zweitligameister, Miron Muslić an der Seitenlinie und eine Arena, die auch in der zweiten Liga nie ihre Wucht verloren hat, geben dem Verein Energie. Robin Gosens und die vorhandene Erfahrung helfen. Trotzdem wird es ein anstrengendes Jahr. Der Klassenerhalt gelingt – vermutlich mit mehr Drama, als medizinisch empfehlenswert ist.
14. Union Berlin
Bei Union beginnt mit Mauro Lustrinelli ein neues Kapitel. Nach einigen Wechseln in Mannschaft und sportlicher Führung fehlt mir noch ein klares Bild. Die Alte Försterei bleibt ein wichtiger Vorteil, spielerisch dürfte es jedoch zäh werden. Union rettet sich, aber erst spät.
15. 1. FC Köln
Der FC hat sich in der vergangenen Saison gerade so oberhalb der gefährlichen Zone gehalten. Unter René Wagner soll es ruhiger werden, doch im Kader fehlt weiterhin Breite. Köln wird kämpfen, leiden und sich vermutlich häufiger über Schiedsrichter, Vorstand und Wetter beschweren. Am Ende reicht es knapp – auch weil andere noch größere Probleme haben.
Zittern bis zum Schluss
16. Werder Bremen
Werder rettete sich zuletzt nur mühsam. Daniel Thioune hat die Mannschaft stabilisiert, aber die offensive Durchschlagskraft bleibt überschaubar. Bremen landet in der Relegation. An der Weser wird deshalb bis Ende Mai gezittert, gerechnet und vorsorglich schon einmal nach dem Zweitligadritten geschaut.
17. SC Paderborn
Paderborn hat den VfL Wolfsburg in der Relegation bezwungen und sich die Rückkehr redlich verdient. Ralf Kettemann lässt mutig spielen, doch zwischen Mut und Harakiri liegt in der Bundesliga manchmal nur ein einziger Fehlpass. Paderborn wird einige Favoriten ärgern, über 34 Spieltage reicht die Qualität meiner Meinung nach aber nicht.
18. SV Elversberg
Elversberg ist die schönste Geschichte dieser Saison. Ein kleiner Verein, ein kleines Stadion und die erstmalige Bundesliga-Teilnahme – genau dafür liebe ich Fußball. Vincent Wagner hat Großartiges geleistet, und vermutlich wird die SV einige Mannschaften überraschen. Trotzdem ist der Sprung gewaltig. Sympathie erzielt leider keine Tore und verhindert keine Gegentore.
Für Bayer 04 wäre Platz vier nach der enttäuschenden Vorsaison ein wichtiger Schritt zurück in die richtige Richtung. Natürlich träume ich von mehr. Das gehört zur Stellenbeschreibung eines Fans. Aber bevor wir wieder über die Meisterschale reden, sollten wir erst einmal dafür sorgen, dass unsere Abwehr nicht bei jedem gegnerischen Konter aussieht, als hätte sie gemeinsam einen dringenden Termin an der Seitenlinie.
Mittwoch, 15. Juli 2026
Neustart bei 30 Grad: Martínez lässt Bayer 04 gleich ins Schwitzen kommen
Kaum ist die Werkself wieder auf dem Trainingsplatz, beginnt für uns Fans die schönste und zugleich gefährlichste Zeit des Fußballjahres: die Saisonvorbereitung. Schön, weil endlich wieder Bälle rollen. Gefährlich, weil man nach einer einzigen öffentlichen Einheit bereits versucht ist, taktische Revolutionen, neue Stammspieler und mindestens drei kommende Weltstars zu erkennen.
Dabei war es zunächst einmal nur der Trainingsauftakt. Aber immerhin einer, der neugierig gemacht hat.
Nach rund zwei Monaten Sommerpause versammelte Carles Martínez seine Mannschaft erstmals auf dem Rasen an der BayArena. Mehrere hundert Fans schauten zu, die Temperaturen lagen bei über 30 Grad, und die Rasensprenger dürften an diesem Nachmittag zu den beliebtesten Mitarbeitern des Vereins gehört haben.
Arthur betrat als erster Spieler freudestrahlend den Platz. Das passt zu einem Trainingsstart: Alle sind gut gelaunt, alle sind motiviert, und vermutlich hat noch niemand zum zehnten Mal dieselbe intensive Laufübung absolvieren müssen.
Für Martínez war es die erste Einheit als Cheftrainer von Bayer 04. Der Spanier kündigte an, dass seine Mannschaft mit Intensität, Leidenschaft und Präzision spielen solle. Das klingt zunächst einmal hervorragend. Ehrlicherweise kenne ich allerdings keinen Trainer, der zum Amtsantritt Langsamkeit, Gleichgültigkeit und ungenaue Pässe als neues Leitbild ausgegeben hat.
Entscheidend wird deshalb nicht sein, wie gut diese drei Begriffe im Juli klingen, sondern ob sie im Herbst auf dem Platz zu erkennen sind. Gerade die Präzision dürfte dabei ein wichtiges Thema werden. Leidenschaft lässt sich relativ leicht behaupten, Intensität kann man zumindest laufen, aber Präzision zeigt sich erst dann, wenn unter Druck die richtigen Entscheidungen getroffen werden.
Positiv finde ich, dass Martínez offenbar sehr kommunikativ auftritt. Nathan Tella beschrieb den neuen Trainer als klar und direkt und betonte, dass die Mannschaft genau das benötige. Bei einem jungen Team ist das tatsächlich nicht unwichtig. Junge Spieler brauchen Freiheiten, aber sie brauchen ebenso klare Aufgaben. Fußballerische Selbstverwirklichung ist schön, solange am Ende noch jemand weiß, wer den gegnerischen Außenverteidiger aufnehmen soll.
Martínez selbst stellte heraus, dass jeder Spieler im Kader die Chance habe, sich für die Startelf zu empfehlen. Auch das gehört zum üblichen Vokabular eines neuen Trainers, ist aber trotzdem richtig. In einer Vorbereitung müssen die Karten zumindest ein Stück weit neu gemischt werden. Wer schon im Juli das Gefühl bekommt, lediglich Trainingsmaterial für die vermeintliche Stammelf zu sein, wird kaum sein Maximum abrufen.
Interessant war auch die Beteiligung von fünf U19-Spielern. Osman Turay, Jonah Berghoff, Jeremiah Mensah, Dustin Buck und Torhüter Simeon Rapsch durften sich bei den Profis zeigen. Natürlich sollte man aus einer Trainingsteilnahme noch keine große Durchbruchsgeschichte schreiben. Trotzdem freue ich mich immer, wenn Talente aus dem eigenen Nachwuchs ihre Gelegenheit erhalten.
Nicht jeder Jugendspieler wird Bundesligaprofi, und nicht jeder gute Eindruck im Training führt zu einem Einsatz in der BayArena. Aber ein Verein wie Bayer 04 muss jungen Spielern zumindest eine glaubwürdige Perspektive bieten. Sonst kann man sich das Leistungszentrum irgendwann auch als besonders große Umkleidekabine anrechnen lassen.
Mit Afonso Moreira stand zudem ein Neuzugang erstmals mit der Mannschaft auf dem Platz. Kennet Eichhorn fehlte wegen eines privaten Termins in Berlin, während die WM-Teilnehmer später in die Vorbereitung einsteigen. Der Kader war also noch längst nicht vollständig. Auch deshalb sollte man den ersten Trainingstag nicht überbewerten.
Trotzdem beginnt jetzt die entscheidende Phase für das neue Trainerteam. Martínez muss seine Ideen vermitteln, Rollen verteilen und aus bekannten Spielern, jungen Talenten und neuen Gesichtern eine funktionierende Mannschaft formen. Dabei hilft das familiäre Umfeld, das er ausdrücklich gelobt hat. Harmonie ist zweifellos wertvoll. Sie darf nur nicht mit Bequemlichkeit verwechselt werden.
Nathan Tella möchte nach seiner Verletzung fit bleiben und konstant gute Leistungen zeigen. Das wäre für Bayer 04 wichtig. Konkurrenz im Kader kann Spieler antreiben, solange sie nicht zu dauernder Unzufriedenheit führt. Auch hier ist der Trainer gefragt: Er muss Entscheidungen klar erklären und gleichzeitig dafür sorgen, dass diejenigen außerhalb der Startelf nicht innerlich bereits im September Wintertransfers planen.
Der erste Test gegen die Sportfreunde Baumberg wird noch keine großen Antworten liefern. Testspiele im Juli besitzen ungefähr dieselbe Aussagekraft wie Wetterprognosen für den nächsten Frühling. Trotzdem wird man erste Ansätze erkennen können: Wie möchte Martínez aufbauen? Wie aggressiv wird gepresst? Welche Rolle spielen die jungen Spieler? Und wie ernst nimmt die Mannschaft die angekündigten Begriffe Intensität, Leidenschaft und Präzision?
Nach dem ersten Training bin ich vorsichtig optimistisch. Der neue Trainer wirkt engagiert, kommunikativ und klar. Mehr kann man nach einer Einheit kaum seriös feststellen.
Die Werkself ist wieder da, die Vorfreude ebenfalls – und meine Fanbrille sitzt schon wieder so fest, dass selbst 30 Grad im Schatten sie nicht beschlagen lassen.
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