Zwischen Hoffnung und Hochrechnung: Meine Bundesliga-Prognose 2026/27
Die Bundesliga startet wieder, und natürlich habe ich mir vorgenommen, diesmal völlig nüchtern, objektiv und ohne jede schwarz-rote Verklärung auf die neue Saison zu schauen. Das hat ungefähr bis zu dem Moment funktioniert, als ich Bayer 04 in meine Tabelle einsortieren musste.
Hinter uns liegt schließlich eine Saison, die in Leverkusen eher unter „Ernüchterung“ als unter „Fortsetzung der Erfolgsgeschichte“ abgeheftet wurde. Platz sechs, zwei Trainer und deutlich mehr Gegentore als uns lieb sein konnte: Nach den berauschenden Alonso-Jahren fühlte sich das streckenweise an wie der Morgen nach einer sehr langen Meisterfeier. Man weiß noch, dass es schön war, aber der Kopf dröhnt.
Nun übernimmt Carles Martínez. Neuer Trainer, neue Ideen, erneut Bewegung im Kader. Nach Erik ten Hag und Kasper Hjulmand ist Martínez bereits der dritte Bayer-Coach innerhalb eines Jahres. Kontinuität sieht anders aus. Trotzdem hoffe ich, dass der Spanier aus einer talentierten Mannschaft wieder eine echte Einheit formt. Die Qualität ist vorhanden. Sie muss nur häufiger gleichzeitig auf dem Platz erscheinen.
So sieht meine Abschlusstabelle aus – selbstverständlich ohne Gewähr, aber mit reichlich Fanbrille.
Ganz oben: Meisterschaft und Champions League
1. Bayern München
Ich würde gern etwas Originelleres schreiben. Aber nach 122 Toren und 89 Punkten in der vergangenen Saison müsste ich schon beide Augen schließen, um die Bayern nicht erneut auf Platz eins zu setzen. Der Kader ist breit, teuer und erschreckend gut. Vincent Kompany hat aus dem zeitweiligen Münchner Durcheinander wieder eine ziemlich zuverlässige Titelmaschine gebaut. Vielleicht geraten sie intern noch über eine unglückliche Sitzordnung beim Mannschaftsessen aneinander. Sportlich bleibt die Konkurrenz aber zunächst hinter ihnen.
2. Borussia Dortmund
Niko Kovač hat Dortmund nicht glamouröser, aber stabiler gemacht. Platz zwei und die beste Abwehr der Liga waren keine Zufallsprodukte. Der BVB wird weniger Spektakel liefern, dafür häufiger die Spiele gewinnen, die er früher mit einer Mischung aus Nachlässigkeit und Selbstsabotage aus der Hand gegeben hätte. Für Bayern reicht es noch nicht, aber Dortmund bleibt der erste Verfolger.
3. RB Leipzig
Ole Werner führte Leipzig auf Platz drei und musste trotzdem gehen. Das ist ungefähr so, als würde man einen Koch entlassen, weil das Essen zwar schmeckt, aber nicht fotogen genug angerichtet ist. Martín Demichelis übernimmt eine Mannschaft mit viel Tempo und Talent. Der Trainerwechsel birgt Risiken, dennoch ist der Kader stark genug für die Champions League.
4. Bayer 04 Leverkusen
Ja, ich setze uns auf Platz vier. Nicht, weil nach Platz sechs plötzlich wieder alles glänzt, sondern weil ich dieser Mannschaft mehr zutraue, als sie zuletzt gezeigt hat. Patrik Schick trifft, Ibrahim Maza besitzt enormes Potenzial, und auch die jungen Neuzugänge bringen Fantasie mit. Gleichzeitig fehlen nach den Abgängen von Alejandro Grimaldo etc. wichtige Säulen.
Carles Martínez möchte offensiven, mutigen Fußball spielen. Das gefällt mir. Allerdings sollte Mut nicht erneut bedeuten, dass bei jedem Ballverlust drei gegnerische Angreifer freie Fahrt auf unser Tor haben. Gelingt Martínez die Balance, kehren wir in die Champions League zurück. Für den Titelkampf fehlt mir nach diesem erneuten Umbruch noch das Vertrauen. Meine Fanbrille ist schwarz-rot, aber nicht blickdicht.
Europa im Blick
5. VfB Stuttgart
Sebastian Hoeneß hat Stuttgart dauerhaft in der Spitzengruppe etabliert. Die Mannschaft spielt klaren, technisch starken Fußball und wirkt inzwischen erstaunlich krisenfest. Die zusätzliche Belastung durch die Champions League kostet allerdings Punkte. Platz fünf ist keine Schwäche, sondern inzwischen fast schon schwäbische Planungssicherheit.
6. TSG Hoffenheim
Hoffenheim war die positive Überraschung der Vorsaison. Christian Ilzer hat aus einem Abstiegskandidaten einen Europapokalteilnehmer gemacht. Die Doppelbelastung wird zeigen, wie belastbar dieser Aufschwung wirklich ist. Für die erneute Champions-League-Nähe reicht es nicht ganz, für Europa aber schon.
7. Eintracht Frankfurt
Adi Hütter ist zurück, und in Frankfurt hofft man auf eine Fortsetzung der alten Erfolgsgeschichte. Die Eintracht verfügt über genügend Qualität, um wieder nach Europa zu kommen. Sie besitzt aber auch das Talent, innerhalb einer Woche begeisternden Fußball, ein wildes 3:3 und eine unerklärliche Heimniederlage zu produzieren. Platz sieben passt deshalb ziemlich gut.
8. SC Freiburg
Freiburg bleibt Freiburg: klug geführt, unangenehm zu bespielen und meistens stärker, als man es vor der Saison erwartet. Julian Schuster hat den Übergang nach Christian Streich beeindruckend bewältigt. Nach der langen Europapokalsaison dürfte diesmal etwas Kraft fehlen. Für die obere Tabellenhälfte reicht es trotzdem.
Das große Mittelfeld
9. Mainz 05
Urs Fischer hat Mainz aus dem Tabellenkeller geführt und wieder zu einer Mannschaft gemacht, gegen die niemand gern spielt. Mit einer vollständigen Vorbereitung wird sein Einfluss noch deutlicher. Für Europa fehlt etwas individuelle Klasse, für einen ruhigen Mittelfeldplatz aber nicht.
10. FC Augsburg
Nach dem kurzen und wenig erfolgreichen Kapitel Sandro Wagner hat Manuel Baum den Verein stabilisiert. Augsburg wird auch diesmal weder besonders schön noch besonders bequem sein. Gegen den FCA zu spielen, fühlt sich häufig an wie eine Wanderung mit einem Stein im Schuh: irgendwie machbar, aber dauerhaft unangenehm.
11. Hamburger SV
Der HSV hat sein erstes Jahr nach der Rückkehr ordentlich überstanden. Die große Euphorie ist einer vorsichtigen Normalität gewichen – was in Hamburg vermutlich schon als historische Entwicklung gelten darf. Merlin Polzin hält die Mannschaft zusammen, der nächste Schritt nach oben kommt aber noch nicht.
12. Borussia Mönchengladbach
Unter Eugen Polanski haben sich die Fohlen stabilisiert. Mehr aber auch noch nicht. Gladbach besitzt genügend Qualität für sorgenfreie Phasen, aber zu wenig Konstanz für Europa. Wahrscheinlich wechseln sich begeisternde Heimsiege und rätselhafte Niederlagen so zuverlässig ab wie die Farben auf einer Verkehrsampel.
13. Schalke 04
Schalke ist endlich wieder da. Der Aufstieg als Zweitligameister, Miron Muslić an der Seitenlinie und eine Arena, die auch in der zweiten Liga nie ihre Wucht verloren hat, geben dem Verein Energie. Robin Gosens und die vorhandene Erfahrung helfen. Trotzdem wird es ein anstrengendes Jahr. Der Klassenerhalt gelingt – vermutlich mit mehr Drama, als medizinisch empfehlenswert ist.
14. Union Berlin
Bei Union beginnt mit Mauro Lustrinelli ein neues Kapitel. Nach einigen Wechseln in Mannschaft und sportlicher Führung fehlt mir noch ein klares Bild. Die Alte Försterei bleibt ein wichtiger Vorteil, spielerisch dürfte es jedoch zäh werden. Union rettet sich, aber erst spät.
15. 1. FC Köln
Der FC hat sich in der vergangenen Saison gerade so oberhalb der gefährlichen Zone gehalten. Unter René Wagner soll es ruhiger werden, doch im Kader fehlt weiterhin Breite. Köln wird kämpfen, leiden und sich vermutlich häufiger über Schiedsrichter, Vorstand und Wetter beschweren. Am Ende reicht es knapp – auch weil andere noch größere Probleme haben.
Zittern bis zum Schluss
16. Werder Bremen
Werder rettete sich zuletzt nur mühsam. Daniel Thioune hat die Mannschaft stabilisiert, aber die offensive Durchschlagskraft bleibt überschaubar. Bremen landet in der Relegation. An der Weser wird deshalb bis Ende Mai gezittert, gerechnet und vorsorglich schon einmal nach dem Zweitligadritten geschaut.
17. SC Paderborn
Paderborn hat den VfL Wolfsburg in der Relegation bezwungen und sich die Rückkehr redlich verdient. Ralf Kettemann lässt mutig spielen, doch zwischen Mut und Harakiri liegt in der Bundesliga manchmal nur ein einziger Fehlpass. Paderborn wird einige Favoriten ärgern, über 34 Spieltage reicht die Qualität meiner Meinung nach aber nicht.
18. SV Elversberg
Elversberg ist die schönste Geschichte dieser Saison. Ein kleiner Verein, ein kleines Stadion und die erstmalige Bundesliga-Teilnahme – genau dafür liebe ich Fußball. Vincent Wagner hat Großartiges geleistet, und vermutlich wird die SV einige Mannschaften überraschen. Trotzdem ist der Sprung gewaltig. Sympathie erzielt leider keine Tore und verhindert keine Gegentore.
Für Bayer 04 wäre Platz vier nach der enttäuschenden Vorsaison ein wichtiger Schritt zurück in die richtige Richtung. Natürlich träume ich von mehr. Das gehört zur Stellenbeschreibung eines Fans. Aber bevor wir wieder über die Meisterschale reden, sollten wir erst einmal dafür sorgen, dass unsere Abwehr nicht bei jedem gegnerischen Konter aussieht, als hätte sie gemeinsam einen dringenden Termin an der Seitenlinie.