Sonntag, 9. August 2026

2:1 gegen Sevilla – Schick rettet den Nachmittag, aber noch nicht die Saison

Da ist sie also wieder, diese wunderbare Jahreszeit, in der man nach einem Testspiel gleichzeitig Meisterschaftsträume entwickeln und den bevorstehenden Weltuntergang erkennen kann. Bayer 04 gewinnt bei der Saisoneröffnung mit 2:1 gegen den FC Sevilla – und natürlich nehme ich den Sieg gerne mit. Aber wer daraus schon ableiten möchte, dass unter Carles Martínez alles wunderbar ineinandergreift, sollte vielleicht noch ein paar Wochen mit dem Kauf der Meisterschale fürs Wohnzimmer warten.

Denn gerade die erste Halbzeit war durchaus ein Hinweis darauf, dass diese neue Werkself noch ziemlich viel Werkstatt vor sich hat.

Martínez veränderte seine Startelf gegenüber dem 3:0 gegen Rot-Weiss Essen gleich auf fünf Positionen. Unter anderem begannen Loïc Badé, Aleix Garcia, Montrell Culbreath, Afonso Moreira und Christian Kofane. Patrik Schick saß zunächst draußen. Sevilla erwies sich dabei schnell als der bislang deutlich ernsthaftere Prüfstein dieser Vorbereitung. Bayer musste defensiv arbeiten, fand offensiv zunächst nur schwer den richtigen Rhythmus und lag nach 16 Minuten zurück. Miguel Sierra traf aus der Distanz zum 0:1.

Natürlich ist das im August noch kein Grund, die Rollläden herunterzulassen. Aber gefallen hat mir diese Phase trotzdem nicht besonders. Mir fehlte über weite Strecken das Tempo im letzten Drittel, vor allem aber diese Selbstverständlichkeit, mit der Bayer 04 in seinen besten Zeiten einen Gegner Stück für Stück eingeschnürt hat. Die Mannschaft hatte zwar ihre Momente – Ezequiel Fernández und Jeanuel Belocian kamen vor der Pause dem Ausgleich nahe –, aber zwingend sah anders aus.

Und genau deshalb sind solche Spiele wertvoller als ein lockeres 7:0 gegen einen Gegner, bei dem nach einer Stunde der Busfahrer eingewechselt werden könnte. Sevilla hat Probleme aufgezeigt. Gut so. Lieber am 8. August als irgendwann im Oktober.

Nach der Pause wurde es besser. Bayer hatte mehr Ballbesitz, brachte zahlreiche Flanken in den Strafraum und erhöhte den Druck. Allerdings fand der Ball dort zunächst ungefähr so zuverlässig einen Leverkusener wie ich bei einer Saisoneröffnung einen freien Parkplatz direkt an der BayArena. Christian Kofane köpfte in der 58. Minute knapp vorbei.

Und dann kam Patrik Schick.

Manchmal kann Fußball erfreulich unkompliziert sein. Flanke, Schick, Kopfball, Tor. Der ebenfalls eingewechselte Neuzugang Miguel Gutiérrez bereitete bei seinem Debüt den Ausgleich in der 66. Minute vor. Dreizehn Minuten später war Schick erneut zur Stelle. Über Victor Boniface und Martin Terrier kam der Ball in den Strafraum, Schick nahm ihn direkt – 2:1. Zwei Tore innerhalb von 13 Minuten. Mehr Werbung für einen Stammplatz kann ein Mittelstürmer kaum machen.

Und für mich liegt genau darin eine der interessantesten Erkenntnisse dieses Spiels. Bayer 04 besitzt offensiv Möglichkeiten, Spiele von der Bank aus zu verändern. Schick, Boniface, Terrier, Tillman – Martínez konnte im Laufe des Spiels Qualität nachlegen. Das ist ein Luxus, den man während einer langen Saison brauchen wird. Gleichzeitig darf die Lösung natürlich nicht immer lauten: Wenn es vorne nicht funktioniert, bringen wir eben Patrik, der macht das schon.

Denn der Sieg darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass offensiv noch einiges zusammenfinden muss. Viele Flanken, viel Ballbesitz und ordentlich Druck sind schön, aber daraus muss häufiger echte Gefahr entstehen. Gerade gegen gut organisierte Gegner wird es nicht reichen, den Ball so lange um den Strafraum herumzutragen, bis Schick irgendwann freundlicherweise seinen Kopf hinhält.

Was mir dagegen gefallen hat, war die Reaktion auf den Rückstand. Die Mannschaft wurde nicht hektisch, fiel nicht auseinander und übernahm zunehmend die Kontrolle. Das klingt zunächst banal, ist es aber bei einer Mannschaft im Umbruch überhaupt nicht. Martínez verändert Strukturen, Spieler müssen Rollen neu lernen, dazu kommen neue Gesichter. Dass in dieser Phase noch nicht jeder Laufweg aussieht, als wäre er seit drei Jahren einstudiert, überrascht mich ungefähr so sehr wie eine Bayern-Schlagzeile über einen möglichen Transfer.

Etwas bitter war die personelle Begleitmusik. Montrell Culbreath musste bereits in der ersten Halbzeit raus, später erwischte es auch Robert Andrich. Gerade in einer Vorbereitung möchte man vieles testen – die Belastbarkeit der medizinischen Abteilung gehört für meinen Geschmack ausdrücklich nicht dazu. 

Am Ende bleibt trotzdem ein grundsätzlich positives Gefühl. 25.193 Zuschauer sahen bei der Saisoneröffnung eine Werkself, die noch längst nicht fertig aussieht, aber gegen einen ernsthaften Gegner ein Spiel drehen konnte. Das ist mehr wert als irgendein Vorbereitungsergebnis gegen einen überforderten Sparringspartner.

Die nächsten Tests in England werden noch einmal zeigen, wie weit Bayer wirklich ist. Für mich ist nach Sevilla jedenfalls klar: Es funktioniert noch nicht alles, manches wirkt noch unfertig, und der neue Bayer-Fußball braucht Zeit. Aber Qualität ist vorhanden – und mit Patrik Schick haben wir glücklicherweise einen Mann, der gelegentlich dafür sorgt, dass man über die Baustellen nach einem Sieg deutlich entspannter diskutieren kann.

2:1 gewonnen, Erkenntnisse gesammelt, Schick trifft doppelt. Für Anfang August reicht mir das vollkommen. Die Meisterschale lasse ich trotzdem noch im Laden.

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