Nach Elversberg wollte ich eigentlich nur eines sehen: eine Reaktion. Kein großes Taktikseminar, kein Feuerwerk für die Galerie, keine philosophische Abhandlung über Ballbesitz. Einfach eine Mannschaft, die vom Anpfiff an zeigt, dass sie verstanden hat, wie peinlich der Bundesliga-Auftakt war. Und genau das hat Bayer 04 gegen Union Berlin getan. 4:0 im ersten Heimspiel der Saison, vier verschiedene Torschützen und vor allem ein Auftritt, der mit dem desaströsen 2:3 in Elversberg kaum etwas zu tun hatte. Trainer Carles Martínez hatte vor dem Spiel gefordert, dass sich die Mannschaft nicht allein auf ihr Talent verlassen dürfe. Nach 90 Minuten konnte man sagen: Botschaft angekommen.
Der Unterschied war schon nach wenigen Sekunden sichtbar. Ezequiel Fernández traf nach Vorlage von Miguel Gutiérrez praktisch direkt nach dem Anpfiff zum 1:0 und erzielte damit sein erstes Tor im Bayer-Trikot. Genau so möchte ich eine Mannschaft sehen, die etwas gutzumachen hat: wach, entschlossen und ohne erst einmal eine Viertelstunde höflich beim Gegner nachzufragen, ob das Spiel schon läuft. Auch danach blieb Bayer die deutlich aktivere Mannschaft. Ibrahim Maza hatte früh die Chance auf das 2:0, Patrik Schick prüfte Union-Torwart Frederik Rönnow per Kopf, und obwohl die Partie zwischenzeitlich etwas ruhiger wurde, hatte ich nie das Gefühl, dass Bayer die Kontrolle wirklich abgab. Das allein war nach Elversberg schon fast therapeutisch.
Martínez hatte personell reagiert. Jarell Quansah und Facundo Medina rückten in die Startelf, Lucas Vázquez und Loïc Badé mussten zunächst auf die Bank. Diese Änderungen zahlten sich aus. Quansah brachte Stabilität auf der rechten Seite und schaltete sich immer wieder sauber nach vorne ein. Medina überzeugte bei seinem ersten Startelfeinsatz nicht nur defensiv, sondern erzielte nach einer präzisen Gutiérrez-Flanke auch das 2:0. Wenn ein Innenverteidiger bei seinem ersten Startelfeinsatz trifft und gleichzeitig hinten fast nichts anbrennen lässt, kann man das durchaus als gelungenen Nachmittag bezeichnen. Auch Tapsoba zeigte sich deutlich sortierter als noch in Elversberg. Genau solche Reaktionen wollte ich sehen: nicht verdrängen, sondern besser machen.
Besonders stark gefiel mir Miguel Gutiérrez. Eine Woche zuvor noch einer der Spieler, bei denen wenig zusammenlief, war er gegen Union wie ausgewechselt. Viel Bewegung, gute Flanken, ständiger Zug nach vorne. Vor dem 1:0 hielt er den Ball gedankenschnell im Spiel, zum 2:0 lieferte er die Vorlage. Auf der linken Seite war plötzlich wieder Dynamik drin. Und genau das zeigt, wie vorsichtig man mit endgültigen Urteilen nach einem einzigen schlechten Spiel sein sollte. Fußballer sind keine Aktienkurse, auch wenn man sich als Fan manchmal dabei ertappt, nach jedem Wochenende eine neue Trendlinie zeichnen zu wollen.
Nach der Pause machte Bayer sehr schnell klar, dass es diesmal keine unnötige Spannung geben würde. Quansah leitete auf Schick weiter, der zum 3:0 einschob. Der Tscheche stand dabei wieder genau dort, wo er stehen muss. Viel wichtiger ist für mich aber, dass er mittlerweile nicht nur als Vollstrecker auffällt. Vor dem 4:0 legte er den Ball mit der Hacke auf Maza ab, der sich für seinen engagierten Auftritt endlich belohnte. Schick trifft, bereitet vor und wirkt derzeit wie jemand, der genau weiß, was er tut. Auch damit kann ich gut leben. Maza wiederum bringt enorme Energie ins Offensivspiel. Manchmal will er noch einen Haken zu viel machen, aber mir ist ein junger Spieler mit zu viel Mut deutlich lieber als einer, der jede gute Position durch den Sicherheitsquerpass beendet.
Dann kam noch ein Moment, der weit über das Ergebnis hinausging: Moussa Diaby kehrte zurück. Wochenlang war seine Rückkehr das große Thema in Leverkusen gewesen, gegen Union saß er zunächst auf der Bank und wurde in der 67. Minute unter großem Applaus eingewechselt. Er zeigte sofort einige gute Offensivaktionen und wurde nach dem Abpfiff von den Fans mit Sprechchören gefeiert. Ich gebe zu: Da funktioniert meine Fanbrille ziemlich zuverlässig. Diaby wieder im Bayer-Trikot zu sehen, fühlt sich einfach richtig an. Trotzdem gilt auch hier: Vergangenheit ist schön, Tore und Vorlagen in der Gegenwart sind noch schöner. Aber als Anfang war das emotional schon ziemlich stark.
Natürlich darf man auch diesen Sieg nicht überhöhen. Union war an diesem Nachmittag offensiv erstaunlich harmlos, Mark Flekken wurde kaum geprüft. Nicht alles im Bayer-Spiel war perfekt. Aleix Garcia hatte einige unnötige Ballverluste, Moreira und Tillman blieben offensiv eher blass. Aber das gehört zur Wahrheit eines 4:0 eben genauso dazu wie die positiven Eindrücke. Entscheidend ist für mich die Gesamtrichtung: Bayer war konzentriert, körperlich präsent, deutlich stabiler und vor dem Tor konsequenter. Genau die Dinge, die in Elversberg gefehlt hatten, waren diesmal da.
Und vielleicht ist das die wichtigste Erkenntnis dieses Nachmittags. Nach einem schlechten Spiel kann man viele Erklärungen liefern. Nach einem guten Spiel zählt vor allem, ob die Mannschaft daraus einen Standard machen kann. Augsburg wird schon der nächste Test. Für heute aber reicht mir diese Antwort vollkommen.
Elversberg war peinlich. Union war überzeugend.
Wenn Bayer 04 auf Niederlagen künftig immer mit 4:0 antwortet, könnte ich mich an dieses Modell durchaus gewöhnen.
Samstag, 5. September 2026
4:0 gegen Union – genau so sieht eine Antwort aus
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