Sonntag, 17. Mai 2026

Platz sechs – oder: Wie man mit vollem Kühlschrank hungrig ins Bett geht

Platz sechs. Europa League. Klingt erstmal nach solidem Handwerk, nach ordentlichem Zeugnis, nach „war stets bemüht mit internationaler Perspektive“. Aber ganz ehrlich: Im Nachhinein fühlt sich diese Saison enttäuschend an. Nicht katastrophal, nicht zum Weglaufen, aber eben wie ein vielversprechender Angriff, der am Ende am eigenen Schnürsenkel hängen bleibt.

Das 1:1 gegen den HSV war dafür leider das passende Saison-Schlussbild. Bayer drückt, Bayer dominiert, Bayer sammelt Ballbesitz wie andere Leute Payback-Punkte – und am Ende steht wieder nur ein Remis. 26 Torschüsse, über weite Strecken Kontrolle, dazu ein Elfmeter: Eigentlich müsste man so ein Spiel gewinnen, wenn man ernsthaft Champions League spielen will. Stattdessen wurde wieder Chancenwucher betrieben, als gäbe es für vergebene Großchancen am Saisonende Bonuspunkte. Gibt es aber nicht. Es gibt Platz sechs.

Natürlich kann man sagen: neue Mannschaft, schwieriger Start, Schwankungen, Europa ist Europa. Stimmt alles. Und ja, wir Bayer-Fans wissen auch, dass man nicht jede Saison mit Zauberfußball und Konfettikanone durch die Liga pflügt. Aber genau deshalb ärgert es ja so. Diese Mannschaft hatte genug Qualität, genug Phasen, genug Momente, um mehr aus dieser Saison zu machen. Es fehlte nicht an Talent, sondern zu oft an Konsequenz. Vorne wurde liegen gelassen, hinten reichte dem Gegner manchmal ein sauberer Gedanke und ein strammer Schuss, um uns wieder in die kollektive Stirnfalte zu treiben.

Platz sechs ist kein Absturz, aber für Bayer 04 inzwischen eben auch kein Grund, sich auf die Schulter zu klopfen, bis der Physio kommen muss. Nach den letzten Jahren sind die Ansprüche andere. Wer so viel Spielkontrolle hat, muss daraus mehr machen. Wer den Anspruch Champions League formuliert, darf nicht regelmäßig Punkte verschenken wie Werbekugelschreiber in der Fußgängerzone.

Die Europa League nehmen wir natürlich mit. Mit Fanbrille betrachtet gewinnen wir das Ding selbstverständlich, wahrscheinlich mit drei abgefälschten Garcia-Standards und einem Andrich-Grätschenmuseum im Halbfinale. Aber kritisch bleibt: Diese Saison war eine verpasste Chance. Und die größte Baustelle ist klar: Aus Dominanz müssen Tore werden. Sonst bleibt Bayer 04 die schönste Maschine im Werk, die leider zu oft das fertige Produkt vergisst. 

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