Samstag, 22. August 2026

4:0 in Wiesbaden – erst Geduldsprobe, dann doch ziemlich souverän

Pokal, erste Runde, auswärts bei einem Drittligisten – ich habe in meinem Leben als Bayer-04-Fan genügend solcher Spiele gesehen, um zu wissen, dass man vor dem Anpfiff besser nicht über die Höhe des Sieges diskutiert. Dafür ist dieser Wettbewerb schlicht zu eigenartig. Am Ende steht diesmal ein 4:0 bei Wehen Wiesbaden, Carles Martínez gewinnt sein erstes Pflichtspiel als Bayer-Trainer und wir ziehen völlig verdient in die zweite Runde ein. Klingt nach einem entspannten Samstagnachmittag. Ganz so gemütlich war es allerdings nicht, zumindest nicht in der ersten Halbzeit. Bayer hatte zwar deutlich mehr vom Ball, biss sich aber lange an einem sehr kompakten Wiesbadener Defensivblock die Zähne aus. Viel Ballbesitz, wenig Durchkommen – dieses Muster kennen wir aus der Vorbereitung inzwischen ganz gut. Dass am Ende 71 Prozent Ballbesitz, 19 Torschüsse und ein xGoals-Wert von 1,93 zu Buche standen, zeigt zwar die klare Überlegenheit, erzählt aber eben nicht die ganze Geschichte dieser Partie. 

Martínez blieb bei der Viererkette, die er schon während der Vorbereitung häufig hatte spielen lassen. Vor Janis Blaswich führte der neue Kapitän Edmond Tapsoba die Defensive an, im Mittelfeld spielten Ezequiel Fernández und Aleix Garcia, davor Malik Tillman. Ibrahim Maza begann rechts, links durften Miguel Gutiérrez und Afonso Moreira bei ihrem Pflichtspieldebüt ran, ganz vorne Patrik Schick. Gerade auf der linken Seite war früh zu erkennen, dass dort einiges entstehen kann. Gutiérrez fand Schick bereits nach 14 Minuten mit einer präzisen Flanke, doch der Treffer zählte wegen Abseits nicht. Bayer hatte in der Anfangsviertelstunde rund drei Viertel Ballbesitz, wirklich gefährlich wurde es trotzdem nur selten. Wiesbaden stand tief, arbeitete konzentriert und erinnerte uns daran, dass ein Drittligist in der ersten Pokalrunde normalerweise nicht freiwillig den roten Teppich ausrollt. Auch einige Unsauberkeiten im Passspiel halfen nicht unbedingt dabei, die Sache einfacher zu machen. Und so begann ich innerlich schon jene unangenehme Pokalrechnung aufzustellen: 0:0 zur Pause, der Außenseiter glaubt immer stärker an die Sensation und irgendwann fliegt ein abgefälschter Freistoß ins lange Eck. Patrik Schick hatte glücklicherweise keine Lust auf dieses Drehbuch. Nach einem geblockten Maza-Schuss stand er in der 43. Minute genau dort, wo ein Mittelstürmer stehen soll, und staubte zum 1:0 ab. 

Und nach der Pause wurde aus der Geduldsprobe ziemlich schnell eine klare Angelegenheit. Wieder kam Gutiérrez über links zum Flanken, Schicks Kopfball konnte Wiesbadens Torhüter noch abwehren, aber Lucas Vázquez stand beim Nachschuss bereit und machte bereits in der 47. Minute das 2:0. Ab diesem Moment war die Luft weitgehend raus. Bayer kontrollierte die Partie, Wehen kam kaum noch gefährlich nach vorne und Martínez konnte beginnen, Minuten zu verteilen. Das gefiel mir fast besser als ein hektisches Spektakel. Nicht jeder Pokalsieg muss ein Fußballkunstwerk sein. Manchmal reicht es völlig, wenn der Bundesligist irgendwann seine höhere individuelle Qualität durchsetzt und anschließend dafür sorgt, dass der Gegner nicht mehr ernsthaft zurück ins Spiel kommt. Besonders schön war, dass auch die Einwechselspieler sofort Akzente setzten. Nathan Tella erhöhte in der 69. Minute auf 3:0, nachdem Maza den Ball sehenswert mit der Hacke abgelegt hatte. Zehn Minuten später durfte auch Christian Kofane jubeln. Moreira setzte sich mit einem Vollsprint über links durch und servierte den Ball so präzise, dass Kofane nur noch zum 4:0 einschieben musste. Dazu kamen mit Jarell Quansah und Exequiel Palacios Spieler zu ihren ersten Einsätzen der Saison, während Facundo Medina sein Bayer-Debüt feierte. 

Was nehme ich also aus diesem ersten Pflichtspiel mit? Zunächst einmal das Wichtigste: Wir sind weiter. Ohne Verlängerung, ohne Elfmeterschießen und vor allem ohne diese spezielle Pokalpanik, bei der man nach 83 Minuten gegen einen Drittligisten plötzlich feststellt, dass der eigene Puls irgendwo im Champions-League-Finale angekommen ist. Dazu vier verschiedene Torschützen, gute Impulse von der Bank und mehrere Neuzugänge, die direkt ihre ersten Pflichtspielminuten sammeln konnten. Besonders Moreira gefällt mir weiterhin, weil er etwas Unmittelbares in seinem Spiel hat. Er sucht das Eins-gegen-eins, geht ins Tempo und versucht nicht aus jedem Angriff zunächst eine wissenschaftliche Untersuchung über die optimale Passfolge zu machen. Auch Gutiérrez deutete mit seinen Flanken an, welche Qualität er auf der linken Seite einbringen kann. Und Schick? Der macht derzeit einfach weiter, wo er in der Vorbereitung aufgehört hat: Er trifft. Von mir aus darf sich diese Gewohnheit gerne noch einige Monate halten.

Trotzdem war nicht alles so überzeugend, wie das Endergebnis vermuten lässt. Gerade vor der Pause hatte Bayer erneut Schwierigkeiten, aus viel Ballbesitz genügend klare Torchancen zu entwickeln. Das war schon in den Testspielen ein Thema und wird gegen Bundesligisten noch wichtiger werden. Wenn ein Gegner tief steht, brauchen wir mehr Tempo in den Kombinationen und mehr Konsequenz im letzten Drittel. Gegen Wiesbaden hat die individuelle Klasse schließlich gereicht. Gegen stärkere Gegner wird man nicht immer darauf warten können, dass Schick kurz vor der Pause zufällig am richtigen Ort steht.

Aber für den ersten Pflichtspieltag unterschreibe ich dieses 4:0 ohne jede Diskussion. Martínez hat sein Debüt gewonnen, die neuen Spieler haben erste positive Eindrücke hinterlassen und Bayer ist ohne größere Aufregung in Runde zwei eingezogen. Jetzt wartet mit Elversberg der Bundesliga-Auftakt, und damit beginnt die Saison endgültig.  Bis dahin nehme ich aus Wiesbaden vor allem eine beruhigende Erkenntnis mit: Eine Halbzeit lang ein bisschen nerven und anschließend souverän gewinnen – wenn das unser neues Pokalkonzept ist, kann ich damit leben.

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