Samstag, 17. Mai 2025

Unentschieden, Unendlichkeit und ein letzter VAR-Wahnsinn – Bayer 04 sagt Servus mit Rekord

Wenn man auswärts 34 (!) Bundesliga-Spiele am Stück nicht verliert, dann ist das entweder ein Zeichen göttlicher Fügung oder man trägt das Bayer-Kreuz auf der Brust. Unsere Werkself hat in Mainz nicht nur den nächsten Videobeweis-Krimi überstanden, sondern nebenbei auch noch einen Rekord in die Geschichtsbücher getackert – ungeschlagen in fremden Stadien seit zwei verdammten Jahren. Und nein, das ist kein Tippfehler. 34 Mal auswärts gespielt, 34 Mal nicht verloren. Selbst die Bayern reiben sich verwundert die Augen – wahrscheinlich mit einem Handtuch aus Tränen der verpassten Alleinherrschaft.

Das Spiel in Mainz? Nennen wir es ein würdiges Saisonfinale mit allem, was dazugehört: Chaos, Dramatik, Nostalgie, und ein bisschen Wehmut. Eine Partie, bei der sich der VAR dachte: „Heute bin ich mal Hauptdarsteller.“ Gleich drei Mainzer Tore wurden in der ersten Halbzeit einkassiert – vermutlich gibt's dafür bald einen Sammelsticker-Album-Sonderdruck: „Abgepfiffene Tore 2025 – Edition Mainz“. Irgendwann hatten wir das Gefühl, der Schiri pfeift nicht nach Regelwerk, sondern nach einer Bingo-Karte mit „Abseits“, „Handspiel“ und „Torwartschutz“.

Zur Wahrheit gehört auch: Die erste Halbzeit war aus Leverkusener Sicht ungefähr so spritzig wie abgestandene Fassbrause. Mainz dominierte, rannte, schoss – und fand in der ersten halben Stunde dreimal ins Tor und trotzdem stand’s weiter 0:0. Irgendwann hat dann auch Paul Nebel ein Einsehen gehabt und den Ball unter freundlicher Mithilfe von Jonathan Tahs Waden zum regulären 1:0 versenkt. Halbzeitpfiff, Durchatmen, alles wieder auf Anfang – außer für Mainz, die da eigentlich schon 3:0 führen müssten. Aber gut, wir nehmen’s mit einem kleinen Schulterzucken und einem "Typisch Bayer"-Grinsen.

Xabi Alonso – in seinem letzten Spiel als Leverkusen-Trainer – griff zur Pause in die Trickkiste und siehe da: Nach dem Seitenwechsel stand plötzlich eine völlig andere Mannschaft auf dem Platz. Es war fast so, als hätten die Jungs vergessen, dass man auch schon in der ersten Halbzeit Fußball spielen darf. Und dann kam Schick. Und nochmal Schick. Erst eiskalt vom Punkt, dann eiskalt mit dem Kopf – zweimal zappelte das Netz, zweimal tanzte der Tscheche, zweimal vergaßen wir für einen kurzen Moment, dass das eigentlich nur ein Spiel um die goldene Ananas war.

Doch in Leverkusen wäre es ja kein echtes Spiel ohne einen finalen Herzschlagtest. Mainz bekam ebenfalls einen Elfer – umstritten, klar, aber was wäre ein Bundesliga-Spiel ohne eine umstrittene VAR-Entscheidung? Burkardt trat an, traf, 2:2, und damit wieder alles offen. Dass am Ende noch ein Mainzer Treffer wegen Handspiel einkassiert wurde, passt zu diesem Spiel.

Und so geht eine Saison zu Ende, die uns alles geboten hat – außer vielleicht eine Meisterschale. Aber wer braucht schon diese hässliche Salatschüssel, wenn man sich mit Rekorden, legendären Spielen und einem Trainer verabschieden kann, der aus uns ein echtes Spitzenteam gemacht hat? Danke, Xabi – du hast uns nicht zur Meisterschaft geführt, aber zu etwas viel Wertvollerem: Hoffnung. Und das ist in Leverkusen bekanntlich selten genug.

Jetzt heißt’s erstmal: Sommerpause für die Großen, Endspiel für die Kleinen. Unsere U19 kämpft um die Deutsche Meisterschaft – in der BayArena, vor vollem Haus, gegen den 1. FC Köln. Wer da nicht hingeht, hat den Fußball nie geliebt.

Ach ja, fast vergessen: 34 Auswärtsspiele in Folge ungeschlagen. Einfach nur Wahnsinn. Einfach nur Bayer.

Sonntag, 11. Mai 2025

Taschentücher statt Tore – Leverkusen verliert zwei Herzensmenschen

Es war ein Sonntag, an dem das Ergebnis allenfalls als Randnotiz durchging. Ja, wir haben 2:4 gegen den BVB verloren. Ja, wir hätten das Spiel auch gewinnen können, vielleicht sogar müssen. Aber ehrlich: Wen interessiert das, wenn zwei echte Bayer-Legenden zum allerletzten Mal im Heimtrikot über den Rasen der BayArena laufen? Xabi Alonso und Jonathan Tah – zwei Namen, die in Leverkusen bleiben werden, auch wenn die Personen weiterziehen.

Schon vor Anpfiff lag etwas in der Luft. Und das war nicht nur der Duft von Bratwurst und Bier, sondern auch eine gewisse Melancholie. Denn während die Dortmunder noch um die Champions League kämpften, standen bei uns andere Themen im Vordergrund: Tränen, Tribünen und Trikots voller Emotionen.

Xabi Alonso – der Mann, der kam, als wir irgendwo zwischen „Naja“ und „Vielleicht doch wieder Trainerwechsel?“ hingen. Und der aus dieser grauen Suppe ein Drei-Sterne-Menü gezaubert hat. Innerhalb kürzester Zeit hat er die Werkself zu einer der stilvollsten Mannschaften Europas gemacht. Fußball, der so schön war, dass selbst neutrale Fans verstohlen „Hopp Leverkusen“ murmelten. Und jetzt geht er. Vermutlich zu Real Madrid. Und auch wenn wir’s ihm gönnen – es tut weh. Weil man sich an Xabi gewöhnt hat wie an den perfekten Espresso am Morgen: bitter, stark und verdammt gut.

Und dann Jonathan Tah. Unser Turm, unser Dauerbrenner, unser „Och, der spielt ja auch schon ewig bei uns!“. 400 Pflichtspiele – das muss man erstmal bringen. Er hätte längst schon irgendwohin wechseln können, wo man mehr Titel, mehr Geld oder mehr Sonne bekommt. Aber er blieb. Und das macht seinen Abschied umso schwerer. Nicht weil es überraschend kommt, sondern weil es endgültig ist. Einen wie Tah ersetzt du nicht einfach. Einen wie Tah musst du feiern, mit Applaus, mit Gänsehaut – und, ja, auch mit einem feuchten Auge.

Das Spiel? Ja, das gab’s auch noch. Frimpong traf, Kobel hielt wie besessen, der BVB war effizient wie ein Schweizer Uhrwerk – und wir waren eben Bayer 04 an einem dieser Tage: schön anzusehen, aber am Ende ohne Punkte. Hofmanns spätes 2:4 war nett, aber gefühlt schon Teil des Abschiedsprogramms.

Und trotzdem – oder gerade deshalb – war es ein besonderer Tag. Einer dieser Momente, in denen man spürt, dass Fußball mehr ist als Tabellenplätze und Statistiken. Dass es um Menschen geht. Um Trainer, die mit Stil und Haltung führen. Um Spieler, die nicht nur das Trikot tragen, sondern es leben. Und um Fans, die das alles zu schätzen wissen.

Der letzte Heimspieltag war kein sportlicher Höhepunkt. Aber ein emotionaler Volltreffer. Und wenn Alonso am Zaun hängt und in die Kurve winkt, wenn Tah sich die Kapitänsbinde vom Arm zieht und dabei nicht in unsere Richtung, sondern direkt ins Herz schaut – dann weißt du: Das war mehr als Fußball.

Bleibt nur zu sagen: Danke, Xabi. Danke, Jona. Es war uns eine Ehre. Und sollte es euch mal wieder nach Leverkusen verschlagen – wir haben noch Taschentücher. Und ’ne kalte Kiste im Keller.

Sonntag, 4. Mai 2025

Hincapie trifft ins eigene Netz – und Tah köpft sich in unsere Herzen!

Es gibt Tage, da braucht man Nerven wie Drahtseile, ein starkes Herz und vielleicht auch eine kleine Prise Humor, um Bayer 04-Fan zu sein. Der Samstagnachmittag in Freiburg war definitiv so einer. Da fährst du als stolzer Anhänger der Werkself ins tiefste Breisgau, siehst eine Mannschaft, die sich den Ball gefühlt 70 Minuten lang hin und her schiebt, aber auf dem Weg zum Tor so kreativ ist wie ein leerer Malblock – und am Ende feierst du trotzdem noch wie ein Bekloppter. Warum? Weil Jonathan Tah sich gedacht hat: "400 Spiele? Da pack ich noch ein bisschen Heldengeschichte oben drauf!"

Anfangs lief eigentlich alles so, wie es sich für einen angehenden Rekordhalter gehört: viel Ballbesitz, viel Kontrolle, viel... ja, sagen wir ehrlich: viel gepflegter Langeweile. Der Regen prasselte aufs Stadiondach, die Stimmung in der Kurve war großartig, aber auf dem Platz? Na ja, Fußball zum Liebhaben war das nicht gerade. Freiburg stellte sich hinten rein, Bayer wollte, konnte aber irgendwie nicht wirklich. Und als dann Eggestein aus gefühlt 100 Metern einfach mal draufhielt und Kovar sich mit einer Flugshow á la "Wer wird der nächste Bachelor?" verzettelte, war klar: Das wird heute kein Spaziergang.

Spätestens nach dem Eigentor von Hincapie – ein Slapstick-Moment der Extraklasse – hatten wohl selbst die tapfersten Optimisten unter uns ein leicht nervöses Zucken in der Augenbraue. 0:2 hinten, ausgerechnet gegen Freiburg, während Bayern auf der Couch schon den Champagner kaltstellte. Und unsere Jungs? Erinnern sich irgendwie spät, aber immerhin noch rechtzeitig daran, dass man für Auswärtsrekorde wenigstens ein kleines bisschen aufs Tor schießen muss.

Dass es dann natürlich Florian Wirtz war, der uns zurück ins Spiel zauberte – wie immer, wenn's wichtig wird –, wundert ja mittlerweile niemanden mehr. Einmal durch drei Freiburger durch, ein Schuss, ein Innenpfosten, ein lautes "JA!" auf den Rängen. Plötzlich war sie wieder da, diese kleine verrückte Hoffnung. Diese irre Bayer-Hoffnung, die dich nie wirklich verlässt, auch wenn der Verstand längst abgewinkt hat.

Und dann, als alle schon auf die Uhr schielten, als die Freiburger langsam anfingen, an ihrer eigenen Sensation zu schnuppern, kam er: unser Kapitän, unser Fels, unser Jonathan Tah. Ausgerechnet er, der Mann für die leisen großen Momente, der in seinem 400. Spiel für Bayer 04 mehr Timing bewies als ein Stand-up-Comedian beim Punchline-Setzen, köpfte den Ball irgendwie, irgendwo, irgendwie mit der Schulter über die Linie. Ausgleich. Rekord eingestellt. Herzinfarkt knapp vermieden.

Dass wir mit diesem Punkt die Meisterschaft endgültig den Bayern überlassen haben? Geschenkt. Dass wir in Freiburg lange wie ein müder Boxer in der zwölften Runde wirkten? Geschenkt. Am Ende steht: 33 Auswärtsspiele in Folge ungeschlagen. Auf Augenhöhe mit der besten Bayern-Serie aller Zeiten. Und das ist kein Zufall, das ist eine Mannschaft, die selbst in solchen Spielen irgendwie immer noch eine Antwort findet. Mal elegant, mal mit Glück – aber immer mit Herz.

Jetzt also noch ein letztes Heimspiel gegen Dortmund, bevor die Saison in Mainz endet. Und wer weiß – vielleicht gibt's da ja nochmal ein Happy End, das sich nicht wie eine Mathehausaufgabe anfühlt. Bis dahin genießen wir einfach den Moment: Danke, Tah. Danke, Wirtz. Danke, Bayer 04.

Sonntag, 27. April 2025

Zweimal eingelocht, einmal Meisterfeier versaut – ein ganz normaler Samstag unterm Bayer-Kreuz

Es gibt Tage, da passt einfach alles zusammen: Die Sonne scheint, der Bierstand läuft heiß und Bayer 04 spielt sich den Frust der letzten Wochen locker-flockig von der Seele. Beim 2:0 gegen Augsburg wirkten unsere Jungs so souverän, als hätten sie am Vorabend in einer Taktik-Vorlesung von Xabi Alonso persönlich übernachtet. Dabei war es, ehrlich gesagt, im Vorfeld gar nicht mal so selbstverständlich, dass wir dieses Spiel so entspannt über die Bühne bringen würden. Immerhin hatte Augsburg in den letzten 14 Spielen nur einmal verloren – aber gut, am Ende ist das hier halt immer noch die BayArena und nicht irgendein x-beliebiger Dorfplatz.

Xabi rotierte fleißig durch und schickte unter anderem Matej Kovar ins Tor. Der durfte sich dann auch die Handschuhe anziehen, hätte theoretisch aber auch eine Sonnenliege aufbauen können – viel zu tun gab's für ihn nicht. Vorne ging es dagegen gleich richtig ab: Schick, unsere tschechische Tormaschine auf zwei Beinen, haute das Ding in der 14. Minute rein, mit leichter Streicheleinlage eines Augsburgers, damit der Ball auch wirklich unhaltbar unter der Latte einschlug. Nummer 19 für ihn – und Nummer 1 für unser kollektives Grinsen im Stadion.

Tella köpfte danach auch noch ein zweites Mal ins Netz, aber der VAR hatte scheinbar gerade seinen großen Auftritt gebucht und kassierte das Tor wegen Abseits ein. War uns egal. Die Werkself rollte weiter nach vorne, als wäre sie auf Schienen unterwegs. Kurz vor der Pause dann ein Sahnehäubchen, das selbst die härtesten Fußballromantiker ins Schwärmen brachte: Emiliano Buendía, unser argentinischer Wirbelwind, tanzte zwei FCAler aus und schlenzte den Ball wie im Training ins rechte Eck. Ganz großes Kino, Popcorn inklusive!

Nach dem Seitenwechsel hieß es dann: Bayern-Party crashen leicht gemacht. Leverkusen ließ hinten nichts anbrennen, Augsburg versuchte es zwar, aber so richtig gefährlich wurde es nur einmal, als Essende in die Atmosphäre zielte. Stattdessen setzte Jonas Hofmann auf der anderen Seite noch ein kleines Ausrufezeichen mit einem satten Distanzschuss. Mehr passierte nicht – musste aber auch nicht. Schließlich ging es heute nicht darum, einen Schönheitspreis zu gewinnen, sondern die Punkte einzufahren und München die Meisterfeier zu vermiesen. Auftrag mehr als erfüllt!

Und so traten wir Fans nach Abpfiff entspannt den Heimweg an, wissend: Dieses Team hat noch ein paar Trümpfe in der Hinterhand. Freiburg, Dortmund, Mainz – macht euch bereit. Diese Werkself will die Saison nicht austrudeln lassen, die hat noch Bock auf mehr. Und wer weiß, vielleicht fliegen bei uns am Ende ja auch noch ein paar mehr Korken als nur bei den Bayern…

Montag, 21. April 2025

Millerntor-Murmeltiertag: Ein Punkt, viele Fragen und ein bisschen Frust

Manchmal fühlt es sich an, als wäre Bayer 04 gerade in einem ganz eigenen Fußball-Zeitschleifenfilm gefangen. Titel: „Und täglich grüßt das Unentschieden.“ Wieder kein Sieg, wieder nur ein Punkt, wieder ein Spiel, das man „eigentlich“ hätte gewinnen können. Dieses Mal also St. Pauli – ein sympathischer Gegner mit Herz, Hafenblick und Heimvorteil. Aber seien wir ehrlich: Wenn wir ernsthaft oben mitmischen wollen, sollten solche Spiele nicht mit einem Schulterzucken enden. Sondern mit einem Jubelknäuel in der 92. Minute und der vagen Angst, das Stadionsprecher-Mikro mitzujubeln.

Dabei begann der Abend an der Elbe noch ganz manierlich. St. Pauli, hoch motiviert wie ein Azubi am ersten Arbeitstag, störte früh, lief viel, machte Lärm. Unsere Werkself? Erst mal mit dem sanften Modus „Ankommen, Abtasten, vielleicht 'nen Latte Macchiato“. Doch dann kam der Moment, in dem Patrik Schick einmal mehr bewies, dass er nicht nur einen feinen Fuß, sondern auch einen mehr als brauchbaren Schädel hat. 18. Saisontor, fünftes per Kopf, und wenn der Typ demnächst noch rückwärts trifft, wundert uns das auch nicht mehr. 1:0 also – und wir dachten alle schon: Na endlich, der Pflichtsieg nimmt Formen an.

Aber wie es halt so ist mit Pflichtsiegen – sie sind so zuverlässig wie ein Hamburger Sommer. Mal kurz da, dann wieder weg. Denn spätestens nach dem Ausgleich von Boukhalfa (dessen Name klingt wie ein neues Start-up für veganes Baklava) war klar: Heute gibt’s wieder kein Happy End. Oder wie Lukas Hradecky sinngemäß sagte: Das war’s noch nicht, aber so richtig war’s das halt auch nicht. Und genau das ist das Problem.

Natürlich kann man argumentieren: 32 Auswärtsspiele ungeschlagen – das ist eine Marke, die sich gewaschen hat. Aber ein bisschen fühlt sich diese Serie auch so an, als hätte man in 32 Lottospielen immer drei Richtige. Nett, aber der große Gewinn bleibt aus. Acht Punkte Rückstand auf die Bayern, vier Spiele noch – da müsste jetzt bald mal ein kleines Fußballwunder mit Anlauf passieren. Und zwar nicht in der Kabine mit Flipchart, sondern auf dem Platz. Mit Toren, Pressing, Konsequenz – und vielleicht mal einem Standard, der nicht nur den Gegner jubeln lässt.

Xabi Alonso wirkte nach dem Spiel fast ein bisschen resigniert. Dabei ist es ja nicht so, dass die Jungs nichts können. Schick trifft wie am Fließband, Wirtz wirbelt wieder, Frimpong rennt wie ein Duracell-Hase auf Speed. Aber es fehlt gerade das gewisse Etwas – der Punch, der Killerinstinkt, das Quäntchen Gier. Es ist, als würde jemand das Spieltempo auf „Moderato“ stellen, während wir „Presto“ bräuchten. Und man merkt, dass Xabi das ganz genau weiß. Wahrscheinlich kann er’s selbst kaum glauben, wie oft er aktuell das Wort „Unentschieden“ sagen muss, ohne dass ihm die Stimme dabei bricht.

Was bleibt also hängen aus diesem norddeutschen Abend zwischen Currywurst, Choreo und chronischer Chancenverwertung? Dass St. Pauli ein starker Aufsteiger ist – geschenkt. Dass man im Millerntor auch als Tabellenzweiter nicht einfach durchmarschiert – bekannt. Aber eben auch: Dass es langsam Zeit wird, den Schalter wieder auf „Siegen“ zu legen. Mit oder ohne Flow, mit oder ohne Glanz. Hauptsache: drei Punkte.

Am Samstag kommt Augsburg – ein Spiel, bei dem man früher gesagt hätte: Pflichtsieg. In der aktuellen Gemengelage würde man sich auch einfach nur über ein schmutziges 2:1 freuen. Oder ein Tor in der Nachspielzeit. Oder ein Eigentor. Irgendwas. Hauptsache: kein weiteres Déjà-vu.

Denn ganz ehrlich: Dieser Murmeltiertag in schwarz-rot macht langsam mürbe.

Sonntag, 13. April 2025

Wenig Wumms, viel Wow

Sagen wir’s, wie’s ist: Wenn man als Bayer-Fan nach einem torlosen Remis gegen Union Berlin vom Stadion nach Hause geht und dabei trotzdem irgendwie ein kleines inneres Konfetti-Gefühl verspürt – dann hat man entweder zu tief ins Veltins geguckt oder sich gerade mal eben für die Champions League qualifiziert. Zweiteres war der Fall, ersteres bleibt unkommentiert.

Aber der Reihe nach. Die Werkself empfing die defensiv stabilisierten, aber spielerisch eher rustikalen Unioner – und zeigte vom Start weg: „Ball? Nehmen wir. Ihr? Viel Spaß beim Hinterherlaufen.“ Über 700 Pässe, 74,6 % Ballbesitz, 42 Flanken. Das sind keine Spielstatistiken mehr, das ist schon fast Installationskunst. Manchmal fühlte es sich an wie ein TikTok-Tutorial zum Thema „Wie man den Bus parkt – Union Berlin Edition“.

Und trotzdem: kein Tor. Patrik Schick mit frühen Chancen, Frimpong mit der üblichen Geschwindigkeit jenseits der Schallmauer, Wirtz mit Rückkehr und Gefühl in jedem Pass – aber das Runde wollte ums Verrecken nicht ins Eckige. Dabei war alles angerichtet: Rückkehrer, ein ausverkauftes Haus, ein Gegner, der eigentlich nur per Satellit mit dem Ball in Kontakt kam. Nur die Torfabrik hatte scheinbar einen Tag frei.

Apropos Wirtz: Der Junge kommt nach fünf Wochen Pause rein, die BayArena erhebt sich, und zack – das Spiel hat plötzlich wieder sowas wie kreative Schwerkraft. Kaum drauf auf dem Platz, schon verlagert sich alles in Richtung Union-Strafraum. Und auch wenn’s am Ende bei null Toren blieb – allein, dass dieser Wirtz wieder über den Rasen tänzelt, war ein gefühltes 1:0. Oder sagen wir: ein 0,5 zu 0.

Jonas Hofmann, der heimliche Zauberer der Werkself, hat übrigens immer noch kein Bundesligaspiel mit Bayer 04 verloren. 40 Spiele, 30 Siege, zehn Remis. Wenn er irgendwann mal ein Spiel verliert, wird’s wahrscheinlich eine kosmische Erschütterung geben, die selbst Xabi Alonso spürt – mitten im nächsten Trainingslager.

Klar, Xabi war nach dem Spiel nicht ganz so fröhlich wie wir Fans mit CL-Planer in der Hand. Er sprach von fehlender Energie im letzten Drittel, und ja, man merkte: Nach einem langen Jahr voller Glanz und Glamour ist die Batterie langsam auf dem Stand „nur noch 3 % – bitte Ladekabel einstecken“. Aber das ist halt das Ding mit einer perfekten Saison: Selbst das Unperfekte wirkt noch souverän.

Union? Taktisch clever, kämpferisch wie immer, aber offensiv mit dem Punch eines nassen Waschlappens. Ein Abseitstor, zwei Konterversuche, einer davon mit Heber-Versuch à la „FIFA 16 zum ersten Mal gespielt“ – das war’s dann auch.

Und doch muss man ihnen eins lassen: Sie haben genau das gemacht, was sie wollten – gestört, zerstört, verdichtet. Eine Fünferkette mit vier Staubsaugern davor. Mehr geht nicht. Das war Beton deluxe. Wenn’s dafür irgendwann ne Netflix-Doku gibt, bin ich der Erste, der sie nicht schaut.

Unterm Strich bleibt: ein Punkt, ein Champions-League-Ticket und das beruhigende Gefühl, dass selbst ein durchwachsener Tag in Leverkusen besser ist als ein Sahnetag in manchen anderen Stadien. Und sind wir ehrlich – lieber mal 0:0 gegen Union als 0:3 in Augsburg, oder?

Jetzt geht’s auf den Kiez: St. Pauli ruft, und wir bringen hoffentlich wieder etwas mehr Zielwasser im Gepäck mit. Denn wenn wir schon Champions League spielen, dann wollen wir auch wie einer auftreten. Und vielleicht, ganz vielleicht, fliegt gegen Augsburg dann auch mal wieder ein Ball ins Netz – am besten gleich drei. Weil: Schick hat’s verdient. Wirtz sowieso. Und wir Fans? Wir sowieso immer.

Samstag, 5. April 2025

Wie ein Buendía-Schlenzer uns alle rettete

Also mal ehrlich – wer am Samstagnachmittag beim Spiel in Heidenheim voller Vorfreude das Pils aufgemacht hat, um die große Reaktion der Werkself nach dem Pokal-Desaster in Bielefeld zu sehen, der hat vermutlich spätestens zur Halbzeit aus Frust den Rasen gemäht oder die Steuererklärung angefangen. Denn was Bayer 04 da über weite Strecken auf den Platz brachte, erinnerte eher an ein laues Freundschaftsspiel im Trainingslager als an ein Bundesliga-Duell gegen einen Abstiegskandidaten. Und trotzdem – ja, trotzdem – stehen da am Ende drei Punkte auf der Habenseite. Warum? Weil Fußball manchmal einfach nicht logisch ist. Und weil Emiliano Buendía anscheinend keine Lust auf ein zweites 0:0-Geschiebe hatte.

Dabei fing alles wie so oft in dieser Rückrunde an: mit großen Erwartungen und kleinen Schritten. Xabi Alonso mischte die Startelf durch – Boniface durfte wieder von Beginn an ran, Aleix Garcia übernahm die Palacios-Position (nennen wir’s mal so) und Robert Andrich wurde in die Abwehr beordert. Dass der Gegner nicht Bayern München heißt, sondern Heidenheim, war aber offenbar nur auf dem Papier ein Vorteil. Denn der FCH zeigte von Anfang an, wie man als Kellerkind eben auftreten muss: bissig, gallig und mit dem Willen, jedem Ball hinterherzurennen, als gäbe es dafür Punkte beim Payback.

Bayer? Nun ja. Wenn man das Spiel in der ersten Halbzeit mit einem Gericht vergleichen müsste, dann wäre es ein lauwarmer Kartoffelsalat ohne Mayo. Es fehlte an Würze, an Tempo und – man muss es leider sagen – an Ideen. Die erste Torchance ließ über eine halbe Stunde auf sich warten, davor waren es die Gastgeber, die Latte, Pfosten und unsere Nerven malträtierten. Wir hatten Glück. Viel Glück. Hradecky stand da wie ein Fels in der Brandung – oder zumindest wie ein Fels, der das Glück auf seiner Seite hatte.

Die zweite Hälfte? Weniger schlecht, aber auch nicht wirklich besser. Bayer übernahm mehr Ballbesitz, aber mehr Ballbesitz ist halt auch kein Grund zum Feiern, wenn du damit nichts anfangen kannst. Chancen? Fehlanzeige. Spannung? Wenn überhaupt wegen der Angst vor einem Heidenheimer Lucky Punch. Alonso wechselte durch, Buendía kam – und noch dachte niemand, dass dieser kleine Argentinier gleich zum Held des Tages avancieren würde.

Dann: die 91. Minute. Hofmann, gerade erst eingewechselt und offenbar mit dem festen Willen, dem Spiel doch noch so etwas wie Dramaturgie zu geben, steckt den Ball durch, Buendía dreht sich einmal um sich selbst, zieht ab – und plötzlich zappelt der Ball im Netz. Schlenzer deluxe, ganz feine Klinge, kein Mensch in Heidenheim hat das kommen sehen. Wahrscheinlich nicht mal Buendía selbst. Was danach kam, war pure Ekstase. Auf dem Platz, auf der Bank, in den Wohnzimmern zwischen Leverkusen, Wiesdorf und Burscheid. Drei Punkte. Drei ganz, ganz wichtige Punkte. Und wahrscheinlich genau das Spiel, das wir gebraucht haben, um zu merken: Titelträume sind kein Selbstläufer, sondern manchmal eben auch das Ergebnis eines genialen Moments in einem grottigen Spiel.

Unterm Strich bleibt ein Sieg, bei dem man sich am liebsten bei Heidenheim für die vergebene Chancenflut bedankt und bei Buendía ein Bier ausgibt – oder besser gleich einen Kasten. Dass die Werkself in dieser Form noch viel Luft nach oben hat, ist klar. Aber wer Meister werden will, muss halt auch die hässlichen Spiele gewinnen. Und das hier – das war definitiv kein Schönheitswettbewerb. Aber immerhin: die Nummer auf dem Spielberichtsbogen fängt mit einer Eins an. Und das ist alles, was zählt.

Nächsten Samstag kommt Union Berlin. Und wer weiß – vielleicht lassen wir da ja mal wieder den Champagner-Fußball aus der Hinrunde aufblitzen. Bis dahin lehnen wir uns zurück, atmen tief durch und flüstern leise: Danke, Emiliano.