Man kann eine neue Bundesliga-Saison mit einem Auswärtsspiel beim Aufsteiger beginnen und dabei vieles erleben. Euphorische Gastgeber. Ein enges Stadion. Einen Gegner, der jeden Zweikampf so führt, als hinge die gesamte Vereinsgeschichte daran. Alles bekannt, alles erwartbar. Was man als Bayer 04 allerdings nicht unbedingt machen sollte: nach zehn Minuten 0:2 zurückliegen und dabei aussehen, als hätte einem niemand gesagt, dass die Saison bereits begonnen hat. Genau das ist in Elversberg passiert. Am Ende verlieren wir 2:3, obwohl Patrik Schick und Christian Kofane in der Schlussphase noch einmal Hoffnung aufkommen ließen. Und so sehr ich normalerweise bemüht bin, nach Niederlagen nicht sofort den großen Untergang auszurufen: Das war ein Bundesliga-Auftakt, der mir deutlich mehr Sorgen bereitet als irgendein verlorenes Vorbereitungsspiel.
Carles Martínez hatte gegenüber dem souveränen 4:0 im Pokal in Wiesbaden nur im Tor gewechselt. Mark Flekken übernahm wie erwartet für Janis Blaswich. Viel Kontinuität also – zumindest auf dem Papier. Auf dem Platz war davon zunächst wenig zu erkennen. Elversberg begann aggressiv, schnell und mit einer Selbstverständlichkeit, die eigentlich ich von Bayer erwartet hatte. Nach acht Minuten traf Lukas Petkov zur Führung, nur zwei Minuten später legte Cole Campbell das 2:0 nach. Beim zweiten Gegentor half Edmond Tapsoba mit einem kapitalen Fehlpass kräftig mit. Nach einer Viertelstunde hätte es sogar 0:3 stehen können. Flekken und seine Mitspieler verhinderten Schlimmeres. Wenn nach 15 Minuten das Beste am eigenen Spiel darin besteht, dass man nur mit zwei Toren zurückliegt, läuft irgendetwas grundsätzlich schief.
Was mich dabei besonders gestört hat, war weniger der Rückstand selbst als die Art und Weise. Elversberg wirkte wacher, entschlossener und gedanklich schneller. Bayer brauchte gefühlt 20 Minuten, um überhaupt zu verstehen, was für ein Spiel hier gerade stattfand. Natürlich darf ein Aufsteiger euphorisch beginnen. Natürlich kann man sich auch einmal einen frühen Gegentreffer fangen. Aber wenn der vermeintliche Favorit in der Anfangsviertelstunde bei den Abschlüssen praktisch nicht stattfindet und der Bundesliga-Neuling eine Gelegenheit nach der anderen bekommt, dann ist das keine kleine Unachtsamkeit mehr. Das ist ein Fehlstart mit Ansage. Später kam Bayer etwas besser hinein. Loïc Badé köpfte knapp vorbei, Aleix Garcias abgefälschter Freistoß krachte an die Latte. Immerhin. Zur Pause lag man trotzdem 0:2 hinten, und ehrlich gesagt war dieses Ergebnis noch ziemlich freundlich.
Wer gehofft hatte, Martínez würde seine Mannschaft in der Kabine wachrütteln, bekam genau 25 Sekunden Zeit für diesen Gedanken. Dann stand es 0:3. David Mokwa setzte sich im Strafraum durch und schob ein. Ich glaube, in diesem Moment dürfte selbst der optimistischste Bayer-Fan kurz überprüft haben, ob das wirklich der erste Bundesliga-Spieltag oder irgendein besonders schlechter Traum war. Bemerkenswert war zudem, dass Martínez zunächst ohne personelle Veränderungen aus der Pause gekommen war. Erst nach dem dritten Gegentreffer reagierte er mit einem Dreifachwechsel. Doch auch die neuen Spieler konnten zunächst wenig verändern. Bayer hatte mehr vom Ball, aber gegen die dicht gestaffelten Elversberger fehlten lange die Ideen und die Präzision, um daraus wirkliche Torgefahr zu entwickeln.
Und dann geschah doch noch etwas, das zumindest ein bisschen Hoffnung macht. Patrik Schick erzielte in der 77. Minute technisch stark das 1:3. Plötzlich bekam Bayer Druck auf das Spiel, plötzlich wurden die Aktionen schneller und entschlossener. In der Nachspielzeit traf Kofane nach einem vorherigen Lattentreffer von Boniface sogar zum 2:3. Und nur eine Minute später hatte Jonas Hofmann tatsächlich noch die Chance zum Ausgleich, scheiterte aber an Elversbergs Torwart Nicolas Kristof. Dass Bayer nach einem 0:3 überhaupt noch einmal in die Nähe eines Punktes kam, spricht zumindest dafür, dass sich die Mannschaft nicht völlig aufgegeben hat. Aber ich weigere mich, daraus eine Heldengeschichte zu machen. Wer erst in der Schlussviertelstunde richtig beginnt, Bundesliga zu spielen, hat zuvor schlicht zu viel falsch gemacht. Die Aufholjagd war schön, aber sie darf die ersten 75 Minuten nicht überdecken.
Genau deshalb möchte ich diese Niederlage auch nicht mit dem üblichen Hinweis abheften, dass eine Saison 34 Spieltage hat. Natürlich hat sie das. Und natürlich entscheidet ein 2:3 in Elversberg nicht über die nächsten neun Monate. Aber der erste Spieltag liefert trotzdem Hinweise. Mir fehlt derzeit noch die Stabilität, die Selbstverständlichkeit und vor allem die defensive Verlässlichkeit. In der Vorbereitung hatten wir schon gesehen, dass Bayer teilweise viel Ballbesitz hat, ohne daraus genügend Gefahr zu entwickeln. In Elversberg kam nun noch hinzu, dass die Mannschaft zu Beginn überhaupt keinen Zugriff bekam. Das ist eine unangenehme Kombination. Wenn man vorne lange braucht, um gefährlich zu werden, darf man hinten nicht gleichzeitig Geschenke verteilen.
Martínez steht damit sehr früh vor seiner ersten echten Bewährungsprobe. Gegen Union Berlin folgt das erste Heimspiel der Saison. Da möchte ich keine große Revolution sehen, sondern etwas viel Einfacheres: eine Mannschaft, die vom Anpfiff an da ist. Zweikämpfe annimmt. Konzentration zeigt. Den Gegner ernst nimmt. Und nicht erst nach drei Gegentoren feststellt, dass Punkte verteilt werden.
Ich werde wegen eines verlorenen Auftaktspiels nicht gleich die Saison abschreiben. Dafür bin ich lange genug Bayer-Fan – und vermutlich auch leidgeprüft genug. Aber ich werde dieses 2:3 auch nicht schönreden. Ein Bundesliga-Aufsteiger darf uns schlagen. Er darf uns aber nicht eine Stunde lang vorführen und dabei so aussehen lassen, als wäre er der erfahrene Bundesligist und wir der nervöse Neuling.
Die Saison ist gerade einmal 90 Minuten alt. Gut so. Denn nach diesen 90 Minuten haben wir noch eine ganze Menge zu verbessern.
Samstag, 29. August 2026
2:3 in Elversberg – schlimmer kann ein Bundesliga-Start kaum aussehen
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