Wenn man die niemalsmeister.de-Saisonprognose mit der tatsächlichen Abschlusstabelle vergleicht, muss man sagen: Ganz oben war die Glaskugel erstaunlich stabil, danach wurde sie aber zunehmend zu einem dieser Bayer-04-Spielaufbauten, bei denen man nach zehn Pässen denkt: Sieht gut aus, aber wohin führt das jetzt genau?
Den Meister richtig getippt: Bayern München. Leider. Da war die Prognose so mutig wie ein Tipp auf Regen in Leverkusen im November, aber sie stimmte. Die Bayern wurden nicht nur Meister, sie haben die Liga mit 89 Punkten und 122 Toren ziemlich humorlos zerlegt. Dass sie am Ende 16 Punkte vor Dortmund lagen, zeigt: Von echter Titelspannung war weniger übrig als von einer Stadionwurst nach der Halbzeitpause.
Dortmund wurde tatsächlich Zweiter, allerdings einen Platz besser als getippt. Kovac hat den BVB also offenbar wirklich stabiler gemacht, zumindest stabil genug, um Bayer 04 klar hinter sich zu lassen. Und damit kommen wir zum schmerzhaften Teil: Bayer wurde nicht Vizemeister, sondern Sechster. Statt Bayern lange zu ärgern, haben wir am Ende eher uns selbst geärgert. Der Tipp war aus Fanbrille verständlich, vielleicht sogar romantisch, aber die Realität war deutlich nüchterner: 59 Punkte, neun Niederlagen, zu viele verschenkte Spiele. Man kann sagen: Die Prognose hatte Vertrauen in Bayer 04. Die Mannschaft hatte leider nicht immer dieselbe Verlässlichkeit.
Besonders bitter ist, dass Leverkusen nur drei Punkte hinter Platz vier und zwei Punkte hinter Hoffenheim landete. Es war also nicht so, dass die Champions League außer Reichweite gewesen wäre. Sie lag eher auf dem Tisch, sauber angerichtet, und Bayer hat beim Zugreifen wieder einmal das Besteck fallen lassen. Genau deshalb wirkt Platz sechs enttäuschender, als er tabellarisch vielleicht aussieht.
RB Leipzig und Stuttgart wurden beide unterschätzt, aber nicht dramatisch. Leipzig landete auf Platz drei statt fünf, Stuttgart auf Platz vier statt sechs. Beide waren also stärker und konstanter als erwartet. Gerade Stuttgart hat bewiesen, dass die gute Entwicklung eben kein kurzer Betriebsunfall nach oben war. Leider musste Bayer das im Saisonendspurt auch noch selbst leidvoll bestätigen.
Der größte Fehlgriff der Prognose war eindeutig Hoffenheim. Getippt auf Platz 13, tatsächlich Fünfter. Aus der grauen Mittelmaß-Suppe wurde plötzlich Europa-Feinkost. Das muss man anerkennen, auch wenn es als Bayer-Fan ein bisschen weh tut, wenn ausgerechnet Hoffenheim den Platz vor uns belegt. Die TSG war nicht spektakulär besser in der Tordifferenz, aber sie war einen Tick effizienter, einen Tick stabiler – und am Ende eben zwei Punkte vor Bayer.
Frankfurt dagegen wurde deutlich zu optimistisch eingeschätzt. Statt Champions League auf Platz vier gab es nur Rang acht. Da roch die Prognose nach Europa, die Realität eher nach durchwachsenem Donnerstag ohne internationalen Glanz. Freiburg wurde mit Platz sieben exakt richtig getroffen – Chapeau. Das war der schöne Moment, in dem die Glaskugel kurz aussah wie ein Präzisionsinstrument.
Im Mittelfeld gab es Licht und Schatten. Mainz wurde statt Achter nur Zehnter, Gladbach statt Neunter Zwölfter, der HSV statt Zehnter Dreizehnter. Die grobe Richtung stimmte: alle drin, alle nicht spektakulär, alle irgendwie Bundesliga-Graubereich mit gelegentlichem Puls. Augsburg wurde mit Platz 15 zu tief eingeschätzt und landete auf Rang neun. Das war eine echte Überraschung, denn statt Rasierklinge gab es am Ende ziemlich soliden Klassenerhalt mit Mittelfeldblick.
Köln wurde zu freundlich gesehen. Platz elf war getippt, Platz 14 wurde es. Immerhin Klassenerhalt, aber mehr Kampfzone als Komfortzone. Bremen wurde ebenfalls überschätzt: Statt ruhigem Platz zwölf ging es runter auf Rang 15, punktgleich mit Köln und nur knapp vor der Relegation. Wolfsburg dagegen wurde fast perfekt eingeordnet: getippt 14., tatsächlich 16. – nur war es am Ende noch ungemütlicher als erwartet.
Unten lag die Prognose erstaunlich nah dran, nur Union Berlin hat sich geweigert, brav in die Relegation zu gehen. Getippt auf Platz 16, tatsächlich Elfter. Das war deutlich stabiler als erwartet. St. Pauli und Heidenheim wurden beide als Absteiger gesehen und landeten tatsächlich auf den letzten beiden Plätzen, wenn auch Heidenheim vor St. Pauli. Da war die Einschätzung ziemlich treffsicher: sympathisch, kämpferisch, aber am Ende zu wenig Bundesliga-Substanz.
Unterm Strich war die Prognose oben bei Bayern, Dortmund und dem erweiterten Europa-Rahmen gar nicht so schlecht, aber sie hatte zwei große blinde Flecken: zu viel Vertrauen in Bayer 04 und viel zu wenig Vertrauen in Hoffenheim. Aus Leverkusener Sicht ist genau das natürlich die bittere Pointe dieser Saison. Man hatte Bayer auf Platz zwei gesehen, weil Qualität, Kader und Anspruch dafür sprachen. Am Ende wurde es Platz sechs, weil Anspruch allein keine Punkte holt und Dominanz ohne Konsequenz nur hübsche Statistik ist.
Die Saisonprognose war also keine Vollkatastrophe, aber sie hatte eindeutig Fanbrille mit Sehstärke „Champions League“. Leider hat Bayer 04 auf dem Platz eher die Lesebrille gesucht.
Freitag, 22. Mai 2026
Der niemalsmeister (war gestern) Saisonrückblick: Prognose versus Endstand
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