33 Torschüsse, zwei Tore. Offenbar ist Bayer 04 eigens nach Kreta gereist, um herauszufinden, dass es einen erheblichen Unterschied zwischen dem Beherrschen eines Fußballspiels und dem Treffen des gegnerischen Tores gibt. Gegen eine Mannschaft von OFI Kreta, die über weite Strecken des Abends hauptsächlich mit dem eigenen Überleben beschäftigt war, produzierte unsere Werkself Chancen für mindestens drei Spiele und machte daraus einen vergleichsweise bescheidenen 2:0-Erfolg. Zum Glück hatte Jonas Hofmann verstanden, worum es beim Fußball letztlich geht. Zwei Tore innerhalb von drei Minuten, der dritte Europa-League-Sieg ohne Gegentor und mittlerweile sechs Pflichtspielerfolge hintereinander. Nicht schlecht für eine Mannschaft, die konsequente Chancenverwertung offenbar noch immer für eine freiwillige Zusatzleistung hält.
Die eigentliche Pointe dieses Abends lieferte ausgerechnet ein Spieler, der ursprünglich gar nicht für die Europa League vorgesehen war. Jonas Hofmann, zunächst nicht für den internationalen Wettbewerb gemeldet und erst durch die Verletzung von Martin Terrier nachgerückt, wurde zum entscheidenden Mann. In der 35. Minute stand er genau dort, wo ein erfahrener Offensivspieler stehen muss, als OFI-Torhüter Klidman Lilo einen Schuss von Afonso Moreira abprallen ließ. Drei Minuten später folgte ein sehenswerter Abschluss aus der Distanz zum 2:0. Damit war die Partie praktisch entschieden. Manchmal schreibt der Fußball eben doch die schönsten Geschichten.
Besonders gefreut habe ich mich über Hofmann. Mit seinen 34 Jahren hat er in Leverkusen schon einiges erlebt und weiß, dass Einsatzzeiten keineswegs selbstverständlich sind. In einem immer stärker besetzten Kader hätte er durchaus in der Bedeutungslosigkeit verschwinden können. Stattdessen zeigte er eindrucksvoll, welchen Wert Erfahrung, Spielintelligenz und Abgeklärtheit besitzen. Seine beiden Treffer waren nicht nur spielentscheidend, sondern auch eine deutliche Botschaft an seinen Trainer: Mit mir ist weiterhin zu rechnen.
Bemerkenswert war für mich aber auch, wie selbstverständlich die Mannschaft die personellen Veränderungen verkraftete. Trainer Carles Martínez hatte gegenüber dem Freiburg-Spiel gleich fünf Positionen neu besetzt, unter anderem erhielt Janis Blaswich im Tor den Vorzug vor Mark Flekken. Trotzdem wirkte unser Spiel keineswegs improvisiert. Bayer kontrollierte den Ball, kombinierte sicher und fand immer wieder Lücken in der dicht gestaffelten Defensive der Griechen. 63 Prozent Ballbesitz, eine Passquote von 92 Prozent und lediglich sechs zugelassene Torschüsse unterstreichen die Überlegenheit. Dass OFI-Torhüter Lilo mehrfach glänzend parierte, gehört zur Wahrheit dieses Abends allerdings ebenfalls dazu. Noch wichtiger als die statistischen Werte fand ich jedoch, dass auch diese veränderte Mannschaft eine klare spielerische Handschrift erkennen ließ.
Nach der Pause wurde die Angelegenheit allerdings zunehmend zu einer etwas langweiligen Verwaltungsveranstaltung. Mit zwei Toren Vorsprung schaltete Bayer mehrere Gänge zurück und beschränkte sich weitgehend darauf, das Ergebnis sicher nach Hause zu bringen. Angesichts des anspruchsvollen Spielplans kann ich das durchaus nachvollziehen. Schon am Sonntag wartet mit Hoffenheim die nächste Aufgabe, und niemand muss bei einem komfortablen Vorsprung unnötig Kräfte verschwenden. Trotzdem bewegte sich unsere Gelassenheit zwischenzeitlich gefährlich nahe an der Grenze zur Nachlässigkeit. OFI kam noch zu einigen Abschlüssen, und ein Anschlusstreffer hätte aus einem vermeintlich erledigten Spiel schnell eine unangenehme Angelegenheit machen können. Gegen stärkere Gegner sollten wir uns derartige Phasen besser nicht erlauben.
Immerhin konnte sich Blaswich bei seinem Europa-League-Debüt mehrfach auszeichnen. Mit 35 Jahren erstmals in diesem Wettbewerb zwischen den Pfosten zu stehen und gleich ohne Gegentor zu bleiben, ist sicherlich eine schöne Geschichte. Drei Spiele, drei Siege und noch kein einziger Gegentreffer: Unsere internationale Bilanz kann sich wirklich sehen lassen. Vor allem zeigt sie, dass Martínez auch auf wichtigen Positionen rotieren kann, ohne dass die defensive Stabilität darunter leidet.
Überhaupt ist die Breite des Kaders für mich eine der erfreulichsten Erkenntnisse der vergangenen Wochen. Diese Mannschaft scheint inzwischen nicht mehr davon abhängig zu sein, dass immer dieselben elf Spieler auf dem Platz stehen. Hofmann kommt hinein und entscheidet das Spiel, Blaswich ersetzt Flekken und hält seinen Kasten sauber, andere erhalten ihre Einsatzzeiten, ohne dass die grundlegenden Abläufe verloren gehen. Nach den zahlreichen Veränderungen und Unsicherheiten der vergangenen Monate ist das keineswegs selbstverständlich. Es spricht vielmehr dafür, dass Martínez inzwischen eine funktionierende Mannschaft geformt hat, in der auch die vermeintlichen Ersatzspieler ihren Beitrag leisten können.
Bei aller Freude sollten wir allerdings die Relationen nicht aus den Augen verlieren. OFI Kreta hatte zwar zum Auftakt überraschend Hoffenheim geschlagen, gehörte an diesem Abend aber sicher nicht zu den Gegnern, an denen wir unsere europäischen Titelambitionen ernsthaft messen sollten. Die wirklich schwierigen Aufgaben kommen noch. Gerade die Europa League hat in der Vergangenheit oft genug gezeigt, wie wenig eine überzeugende Vorrunde wert sein kann, wenn es später darauf ankommt. Neun Punkte aus drei Spielen sind eine hervorragende Ausgangslage, aber Pokale werden bekanntlich nicht im Oktober verteilt.
Jetzt warten Hoffenheim, Nürnberg, Stuttgart und Marseille. Sechs Siege in Serie machen Hoffnung, aber ich kenne meinen Bayer: Euphorie ist erlaubt, Übermut selten eine gute Idee.
Freitag, 23. Oktober 2026
Bayer siegt 2:0 auf Kreta – aber 33 Torschüsse sollten mehr bringen
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