Wer nach einer halben Stunde gegen einen Zweitligisten mit 0:2 zurückliegt, sollte sich nicht unbedingt für höhere Aufgaben empfehlen. Und doch hat Bayer 04 Leverkusen gegen den 1. FC Nürnberg wieder einmal bewiesen, dass zwischen einer drohenden Blamage und einem begeisternden Fußballabend manchmal nur eine Halbzeitpause liegt. Am Ende stand ein 5:2-Erfolg, der Einzug ins Achtelfinale des DFB-Pokals und die Erkenntnis, dass diese Mannschaft offenbar erst dann richtig wach wird, wenn es beinahe zu spät ist. Als Bayer-Fan freue ich mich über fünf Tore und eine beeindruckende Aufholjagd. Aber warum muss es eigentlich immer erst so weit kommen?
Nach der enttäuschenden 0:3-Niederlage in Hoffenheim hatte Trainer Carles Martínez seine Startelf auf sechs Positionen verändert. Eine nachvollziehbare Entscheidung, schließlich sollte gegen Nürnberg nicht nur das Weiterkommen gelingen, sondern auch eine sportliche Reaktion folgen. Davon war zunächst herzlich wenig zu sehen. Zwar hatte Bayer mehr Ballbesitz und durch Nathan Tella und Jonas Hofmann erste Möglichkeiten, doch wirklich überzeugend wirkte das alles nicht. Stattdessen demonstrierte Nürnberg, wie man mit einfachen Mitteln eine technisch überlegene Mannschaft in Schwierigkeiten bringt. Rafael Lubach traf bereits in der 14. Minute zum 0:1, und als Sigurd Haugen nach einem Leverkusener Fehlpass in der 30. Minute auf 0:2 erhöhte, musste ich mich ernsthaft fragen, was diese Mannschaft eigentlich aus ihren jüngsten Fehlern gelernt hatte.
Besonders ärgerlich war die Art und Weise, wie die Gegentore zustande kamen. Wieder fehlten Konzentration, Präzision und defensive Absicherung. Konsequentes Pressing und schnelles Umschalten reichten den Nürnbergern, um Bayer vor erhebliche Probleme zu stellen. Natürlich ist der Club als Tabellenzweiter der 2. Bundesliga kein Laufkundschaftsgegner. Trotzdem darf eine Mannschaft mit den Ambitionen von Bayer 04 zu Hause nicht derart anfällig auftreten.
Dass der Abend nicht in einer Pokal-Katastrophe endete, verdankte die Werkself zunächst ausgerechnet einem Innenverteidiger. Edmond Tapsoba erzielte in der 41. Minute nach einer Ecke den wichtigen Anschlusstreffer. Ohne dieses 1:2 wäre die Stimmung zur Pause wohl deutlich unangenehmer gewesen.
Nach dem Seitenwechsel präsentierte sich Bayer wie ausgewechselt. Martínez brachte mit Ibrahim Maza, Patrik Schick und Ezequiel Fernández gleich drei neue Spieler und traf damit offenbar die richtigen Entscheidungen. Bereits in der 49. Minute erzielte Tapsoba mit seinem zweiten Treffer den Ausgleich. Jetzt spielte endlich die Mannschaft, die ich von Beginn an erwartet hatte: aggressiv, schnell und mit klarer Zielstrebigkeit. Schick verwandelte in der 70. Minute einen Foulelfmeter zur Führung, Hofmann erhöhte mit einem präzisen Distanzschuss auf 4:2, und Lucas Vázquez setzte kurz vor Schluss mit einem sehenswerten Volley den Schlusspunkt zum 5:2.
Aus einem beinahe peinlichen Pokalabend war ein Fußballfest geworden. Besonders Tapsoba verdiente sich mit seinem ersten Doppelpack im Bayer-Trikot Bestnoten. Auch Hofmann bestätigte nach seinen beiden Treffern auf Kreta seine starke Form, während Aleix Garcia mit zwei Torvorlagen überzeugte. Insgesamt 25 Abschlüsse und 13 Eckbälle unterstrichen die offensive Überlegenheit, die Bayer vor allem nach der Pause endlich auf den Platz brachte.
Trotz aller Freude möchte ich nicht in die allgemeine Euphorie einstimmen, ohne die erste Halbzeit kritisch zu betrachten. Natürlich beweist eine solche Aufholjagd Moral und Charakter. Aber Charakter allein gewinnt auf Dauer keine Titel. Gegen stärkere Gegner dürfte ein 0:2-Rückstand deutlich schwieriger aufzuholen sein. Auch die Leistungssteigerung nach den drei Wechseln wirft Fragen auf: War die ursprüngliche Aufstellung falsch gewählt, oder brauchte die Mannschaft tatsächlich wieder einen Weckruf?
Immerhin hat Bayer mit diesem 5:2 Vereinsgeschichte geschrieben. Noch nie zuvor gelang der Werkself im DFB-Pokal nach einem 0:2-Rückstand ein Sieg mit drei Toren Unterschied. Das zeigt, welches Potenzial in dieser Mannschaft steckt, aber eben auch, wie unnötig sie sich das Leben manchmal selbst schwer macht.
Am Ende überwiegt für mich die Freude über den Einzug ins Achtelfinale. Die zweite Halbzeit hat richtig Spaß gemacht. Trotzdem wünsche ich mir künftig weniger Dramatik und mehr Konstanz. Denn fünf Tore sind wunderbar – zwei vermeidbare Gegentore gegen einen Zweitligisten bleiben es nicht.
Donnerstag, 29. Oktober 2026
Von 0:2 auf 5:2 – Bayer 04 zwischen Pokal-Blamage und Fußball-Spektakel
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