Sonntag, 16. August 2026

2:1 in Newcastle – Boniface trifft, Maza knallt und die Generalprobe macht Mut

Wenn eine Vorbereitung mit sechs Siegen aus sieben Spielen endet, könnte man natürlich auf die Idee kommen, dass alles bestens läuft. Als langjähriger Bayer-04-Fan weiß ich allerdings, dass genau solche Gedanken gefährlich sind. Fußball hat die unangenehme Angewohnheit, übertriebene Zuversicht ziemlich zuverlässig zu bestrafen. Trotzdem: Das 2:1 bei Newcastle United war eine Generalprobe, mit der ich deutlich besser leben kann als mit dem etwas zähen 1:2 wenige Tage zuvor in Nottingham. Nicht nur wegen des Ergebnisses, sondern weil Bayer über weite Strecken einen ordentlichen Eindruck hinterließ, das Spiel über längere Phasen kontrollierte und mit Ibrahim Maza und Victor Boniface zwei Torschützen hatte, deren Treffer aus unterschiedlichen Gründen besonders interessant waren.

Dabei dauerte es nicht einmal eine Minute, bis Bayer 04 ein erstes Ausrufezeichen setzte. Christian Kofane und Maza kombinierten sich vor den Strafraum, dann nahm Maza Maß und jagte den Ball aus rund 20 Metern unter die Latte. So darf man eine Generalprobe gerne beginnen. Viel Zeit zum Nachdenken bleibt dem Gegner da jedenfalls nicht. Für mich war dieser Treffer mehr als nur ein schönes Tor in einem Testspiel. Maza zeigt immer wieder, dass er technisch und spielerisch etwas mitbringt, was dieser Mannschaft sehr guttun kann. Natürlich muss man einen jungen Spieler in einer Vorbereitung nicht gleich zum neuen Weltstar erklären – das erledigt der Fußballbetrieb erfahrungsgemäß schon schnell genug –, aber solche Aktionen machen Lust auf mehr. Bayer hatte gerade in der Anfangsphase einen klaren Plan, trat selbstbewusst auf und verdiente sich die Führung auch über die folgenden Minuten hinweg.

Newcastle kam danach allerdings besser ins Spiel. Besonders kurios war zunächst, dass die Engländer nach der ersten Trinkpause geschlossen ihre Trikots wechselten, weil ihre schwarz-weißen Shirts offenbar zu schwer von den blau-beigen Bayer-Trikots zu unterscheiden waren. Auch so etwas erlebt man nicht bei jeder Generalprobe. Der neue Dress schien Newcastle jedenfalls nicht zu schaden. Die Gastgeber wurden stärker und kamen kurz vor der Pause zum Ausgleich. Nach einer Ecke stieg Malick Thiaw am zweiten Pfosten am höchsten und köpfte das 1:1. Das war ärgerlich, denn Bayer hatte zuvor insgesamt einen guten Eindruck hinterlassen. Gleichzeitig war es wieder ein kleiner Hinweis darauf, dass Standardsituationen eben keine dekorative Unterbrechung des Spiels sind. Gerade wenn eine Partie eng ist, können genau solche Szenen den Unterschied machen. Lieber jetzt daran erinnert werden als im Pokal.

Nach der Pause gefiel mir Bayer erneut gut. Die Werkself hatte mehr Ballbesitz, wirkte spielerisch gefälliger und setzte sich phasenweise rund um den Newcastle-Strafraum fest. Dass dabei nicht ständig Großchancen entstanden, gehört allerdings auch zur Wahrheit. Genau an diesem Punkt hatte ich schon nach Nottingham meine Zweifel: Es sieht teilweise ordentlich aus, aber ordentlich ist eben noch nicht automatisch gefährlich. Positiv fiel Afonso Moreira auf, der über links mit seinen Einzelaktionen mehrfach für Unruhe sorgte und die besten Leverkusener Möglichkeiten vorbereitete beziehungsweise selbst einleitete. Moreira bringt Tempo, Mut und dieses direkte Element mit, das einem Angriff manchmal fehlt, wenn sich alle gegenseitig noch einen zusätzlichen Pass anbieten. Solche Spieler braucht man, gerade wenn der Gegner tief steht und sich ein Spiel festgefahren hat.

Und dann kam Victor Boniface. Seine Vorbereitung war bislang immer wieder von der Frage begleitet worden, wie weit er körperlich wirklich ist und ob er wieder an die Form anknüpfen kann, die ihn einst so wertvoll für Bayer gemacht hat. Gegen Newcastle brauchte er keine zwei Minuten. Von links zog er in den Strafraum, ließ seinen Gegenspieler mit einer Finte stehen und schlenzte den Ball ins lange Eck. 2:1. Ein wunderschöner Treffer – und wahrscheinlich vor allem für Boniface selbst ein enorm wichtiger. Nach einer schwierigen Phase kann ein einziges Tor natürlich nicht alle Fragen beantworten. Aber manchmal braucht ein Stürmer genau diesen einen Moment, in dem wieder alles selbstverständlich aussieht. Kein Nachdenken, kein Zögern, einfach eine Aktion und Abschluss. Ich hoffe sehr, dass dieser Treffer bei ihm mehr auslöst als nur einen schönen Eintrag in der Statistik eines Vorbereitungsspiels.

Dass Newcastle kurz vor Schluss noch eine gute Möglichkeit zum Ausgleich hatte, gehört ebenfalls zur vollständigen Betrachtung. Perfekt war das Spiel nicht. Aber Bayer gewann verdient, beendete die Vorbereitung mit sechs Siegen und nur einer Niederlage und zeigte unmittelbar vor dem Pflichtspielstart noch einmal einige Dinge, die Mut machen. Maza mit einem sehenswerten Treffer, Moreira erneut auffällig, Boniface mit einem Tor, das ihm vermutlich besonders guttun wird, und insgesamt eine Mannschaft, bei der langsam erkennbarer wird, was Carles Martínez spielen lassen möchte. Noch ist nicht alles rund. Die Dominanz muss häufiger in klare Torchancen umgemünzt werden, und auch defensiv gibt es weiterhin Situationen, die mir etwas zu leicht entstehen.

Aber irgendwann ist Vorbereitung eben vorbei. Am kommenden Wochenende wartet mit Wehen Wiesbaden im DFB-Pokal das erste Spiel, bei dem niemand mehr hinterher sagen kann, es sei ja nur ein Test gewesen. Genau deshalb gefällt mir dieses 2:1 in Newcastle. Nicht weil ich glaube, dass damit alle Fragen beantwortet sind, sondern weil Bayer unmittelbar vor dem Start noch einmal gezeigt hat, dass Qualität, Ideen und Optionen vorhanden sind. Jetzt müssen daraus Ergebnisse werden.

Und wenn Boniface beschlossen haben sollte, ausgerechnet jetzt wieder richtig Spaß am Toreschießen zu bekommen, hätte ich gegen dieses Timing nun wirklich nichts einzuwenden.

Donnerstag, 13. August 2026

1:2 in Nottingham – Schick trifft wieder, aber Bayer sucht noch nach dem richtigen Takt

Jetzt ist sie also da, die erste Niederlage der Saisonvorbereitung. Bayer 04 verliert mit 1:2 bei Nottingham Forest, und natürlich werde ich deshalb nicht anfangen, den Saisonstart innerlich abzusagen. Ein Testspiel im August bleibt ein Testspiel im August. Trotzdem sind solche Partien interessant, weil sie manchmal mehr verraten als ein souveränes 5:0 gegen einen deutlich schwächeren Gegner. Und mein Eindruck nach diesem Abend ist ziemlich klar: Carles Martínez hat noch einiges zu sortieren, bevor aus vielen guten Einzelteilen eine wirklich überzeugende Mannschaft wird. Bayer geriet schon nach wenigen Minuten in Rückstand, Patrik Schick glich nach gut einer halben Stunde aus und alles deutete lange auf ein Remis hin. Dann kam die 90. Minute, Arnaud Kalimuendo köpfte Nottingham zum Sieg und plötzlich war dieses angeblich völlig unwichtige Testspielergebnis doch ein kleines bisschen ärgerlicher, als ich mir vorher eingeredet hatte.

Martínez hatte seine Mannschaft im Vergleich zum 2:1 gegen Sevilla kräftig umgebaut und gleich sieben Positionen verändert. Das muss man bei der Bewertung natürlich berücksichtigen. Nur Loïc Badé, Jeanuel Belocian, Ezequiel Fernández und Ibrahim Maza blieben in der Startelf, Miguel Gutiérrez durfte nach seinen ersten Minuten gegen Sevilla erstmals von Beginn an ran. Der Start war allerdings alles andere als gelungen. Morgan Gibbs-White durfte flanken, Dan Ndoye verwertete in der Mitte und schon nach vier Minuten lag Bayer hinten. Natürlich muss man daraus keine Staatskrise machen, aber besonders begeistert bin ich von frühen Gegentoren auch in der Vorbereitung nicht. Immerhin kam die Werkself danach besser ins Spiel. Ernest Poku hatte nach Vorlage von Malik Tillman eine erste Gelegenheit, Schick köpfte nach einer Gutiérrez-Flanke knapp vorbei und dann fiel der Ausgleich. Badé unterband einen Konter, Fernández steckte stark auf Schick durch und der Tscheche lupfte den Ball zum 1:1 ins Tor. Schick macht derzeit ziemlich genau das, was ein Mittelstürmer machen soll: Tore. Gegen Sevilla zweimal getroffen, jetzt wieder erfolgreich. Während sich manche Abläufe im Team noch etwas suchen, scheint Schick seinen persönlichen Vorbereitungsplan bereits gefunden zu haben. Ball bekommen, Tor machen. Kann man so machen.

Was mir weniger gefallen hat, war das, was danach kam. Martínez wechselte zur Pause dreifach, Nottingham sogar die komplette Mannschaft. Dass dadurch nicht gerade Champions-League-Rhythmus entsteht, versteht sich von selbst. Trotzdem blieb Bayer im zweiten Durchgang offensiv erstaunlich blass. Nottingham hatte durch Nicolás Domínguez die beste Chance, Janis Blaswich rettete stark. Auf Leverkusener Seite versuchte Martínez mit Christian Kofane, Jonas Hofmann, Aleix Garcia und später auch Victor Boniface noch einmal frische Impulse zu setzen. Frische Beine waren also genügend auf dem Platz. Frische Ideen leider deutlich weniger. Genau das ist für mich der entscheidende Punkt dieses Spiels. Es mangelte nicht an Namen und auch nicht an offensiver Qualität auf dem Papier. Aber Bayer schaffte es über lange Phasen nicht, daraus echten Druck, klare Chancen und eine erkennbare Dominanz zu entwickeln. Man hatte den Eindruck, dass vieles ordentlich aussah, aber eben nicht zwingend. Und ordentlich allein gewinnt selten Fußballspiele.

Dann kam diese letzte Minute, die man in einem Testspiel eigentlich locker wegstecken möchte. Luca Netz brachte einen Freistoß hinein, Kalimuendo verlängerte per Kopf und plötzlich stand es 2:1 für Nottingham. Ärgerlich, ja. Dramatisch, nein. Vielleicht ist diese Niederlage für Martínez sogar wertvoller als ein weiterer Vorbereitungssieg. Denn sie legt Probleme offen, die sich schon gegen Sevilla angedeutet hatten. Auch dort brauchte Bayer lange, um offensiv wirklich gefährlich zu werden. Damals kamen Schick und die Einwechselspieler und drehten das Spiel. In Nottingham reichte der Schick-Treffer diesmal nur zum zwischenzeitlichen Ausgleich. Daraus würde ich noch keine große Entwicklung ableiten, aber eine Tendenz ist erkennbar: Bayer besitzt viel Qualität, findet aber noch nicht konstant die richtige Struktur, um diese Qualität auch auf den Platz zu bringen. Zu oft sieht das Spiel sauber aus, ohne wirklich weh zu tun. Ballbesitz ist schön. Kontrolle wäre schöner. Und fünf gute Offensivspieler auf dem Platz sind noch lange keine funktionierende Offensive.

Der abschließende Test bei Newcastle United wird deshalb interessanter, als mir ein weiteres Vorbereitungsspiel normalerweise wäre. Nicht weil ich unbedingt einen Sieg brauche, sondern weil danach die Zeit der Experimente langsam vorbei ist. Eine Woche später wartet Wehen Wiesbaden im DFB-Pokal, und spätestens dann zählen keine Sommererklärungen mehr. Martínez muss noch kein perfektes Kunstwerk präsentieren, aber ich würde gerne klarer erkennen, wohin die Reise geht. Die positiven Punkte sind vorhanden: Schick trifft zuverlässig, Fernández war erneut an einem wichtigen Moment beteiligt, Gutiérrez sammelt Spielpraxis und der Trainer bekommt viele Erkenntnisse über seinen Kader. Aber diese Niederlage war eben auch eine kleine Erinnerung daran, dass der Pflichtspielstart näher rückt.

Mich stört das 1:2 gegen Nottingham deshalb deutlich weniger als die Frage, warum Bayer dieses Spiel verloren hat. Im Moment sehe ich eine Mannschaft mit viel individueller Qualität, aber noch nicht mit genügend Selbstverständlichkeit im Zusammenspiel. Im August darf das so sein. In ein paar Wochen sollte es anders aussehen. Und wenn Patrik Schick bis dahin einfach weitertrifft, hätte ich gegen diese Übergangslösung zunächst auch nichts einzuwenden.

Sonntag, 9. August 2026

2:1 gegen Sevilla – Schick rettet den Nachmittag, aber noch nicht die Saison

Da ist sie also wieder, diese wunderbare Jahreszeit, in der man nach einem Testspiel gleichzeitig Meisterschaftsträume entwickeln und den bevorstehenden Weltuntergang erkennen kann. Bayer 04 gewinnt bei der Saisoneröffnung mit 2:1 gegen den FC Sevilla – und natürlich nehme ich den Sieg gerne mit. Aber wer daraus schon ableiten möchte, dass unter Carles Martínez alles wunderbar ineinandergreift, sollte vielleicht noch ein paar Wochen mit dem Kauf der Meisterschale fürs Wohnzimmer warten.

Denn gerade die erste Halbzeit war durchaus ein Hinweis darauf, dass diese neue Werkself noch ziemlich viel Werkstatt vor sich hat.

Martínez veränderte seine Startelf gegenüber dem 3:0 gegen Rot-Weiss Essen gleich auf fünf Positionen. Unter anderem begannen Loïc Badé, Aleix Garcia, Montrell Culbreath, Afonso Moreira und Christian Kofane. Patrik Schick saß zunächst draußen. Sevilla erwies sich dabei schnell als der bislang deutlich ernsthaftere Prüfstein dieser Vorbereitung. Bayer musste defensiv arbeiten, fand offensiv zunächst nur schwer den richtigen Rhythmus und lag nach 16 Minuten zurück. Miguel Sierra traf aus der Distanz zum 0:1.

Natürlich ist das im August noch kein Grund, die Rollläden herunterzulassen. Aber gefallen hat mir diese Phase trotzdem nicht besonders. Mir fehlte über weite Strecken das Tempo im letzten Drittel, vor allem aber diese Selbstverständlichkeit, mit der Bayer 04 in seinen besten Zeiten einen Gegner Stück für Stück eingeschnürt hat. Die Mannschaft hatte zwar ihre Momente – Ezequiel Fernández und Jeanuel Belocian kamen vor der Pause dem Ausgleich nahe –, aber zwingend sah anders aus.

Und genau deshalb sind solche Spiele wertvoller als ein lockeres 7:0 gegen einen Gegner, bei dem nach einer Stunde der Busfahrer eingewechselt werden könnte. Sevilla hat Probleme aufgezeigt. Gut so. Lieber am 8. August als irgendwann im Oktober.

Nach der Pause wurde es besser. Bayer hatte mehr Ballbesitz, brachte zahlreiche Flanken in den Strafraum und erhöhte den Druck. Allerdings fand der Ball dort zunächst ungefähr so zuverlässig einen Leverkusener wie ich bei einer Saisoneröffnung einen freien Parkplatz direkt an der BayArena. Christian Kofane köpfte in der 58. Minute knapp vorbei.

Und dann kam Patrik Schick.

Manchmal kann Fußball erfreulich unkompliziert sein. Flanke, Schick, Kopfball, Tor. Der ebenfalls eingewechselte Neuzugang Miguel Gutiérrez bereitete bei seinem Debüt den Ausgleich in der 66. Minute vor. Dreizehn Minuten später war Schick erneut zur Stelle. Über Victor Boniface und Martin Terrier kam der Ball in den Strafraum, Schick nahm ihn direkt – 2:1. Zwei Tore innerhalb von 13 Minuten. Mehr Werbung für einen Stammplatz kann ein Mittelstürmer kaum machen.

Und für mich liegt genau darin eine der interessantesten Erkenntnisse dieses Spiels. Bayer 04 besitzt offensiv Möglichkeiten, Spiele von der Bank aus zu verändern. Schick, Boniface, Terrier, Tillman – Martínez konnte im Laufe des Spiels Qualität nachlegen. Das ist ein Luxus, den man während einer langen Saison brauchen wird. Gleichzeitig darf die Lösung natürlich nicht immer lauten: Wenn es vorne nicht funktioniert, bringen wir eben Patrik, der macht das schon.

Denn der Sieg darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass offensiv noch einiges zusammenfinden muss. Viele Flanken, viel Ballbesitz und ordentlich Druck sind schön, aber daraus muss häufiger echte Gefahr entstehen. Gerade gegen gut organisierte Gegner wird es nicht reichen, den Ball so lange um den Strafraum herumzutragen, bis Schick irgendwann freundlicherweise seinen Kopf hinhält.

Was mir dagegen gefallen hat, war die Reaktion auf den Rückstand. Die Mannschaft wurde nicht hektisch, fiel nicht auseinander und übernahm zunehmend die Kontrolle. Das klingt zunächst banal, ist es aber bei einer Mannschaft im Umbruch überhaupt nicht. Martínez verändert Strukturen, Spieler müssen Rollen neu lernen, dazu kommen neue Gesichter. Dass in dieser Phase noch nicht jeder Laufweg aussieht, als wäre er seit drei Jahren einstudiert, überrascht mich ungefähr so sehr wie eine Bayern-Schlagzeile über einen möglichen Transfer.

Etwas bitter war die personelle Begleitmusik. Montrell Culbreath musste bereits in der ersten Halbzeit raus, später erwischte es auch Robert Andrich. Gerade in einer Vorbereitung möchte man vieles testen – die Belastbarkeit der medizinischen Abteilung gehört für meinen Geschmack ausdrücklich nicht dazu. 

Am Ende bleibt trotzdem ein grundsätzlich positives Gefühl. 25.193 Zuschauer sahen bei der Saisoneröffnung eine Werkself, die noch längst nicht fertig aussieht, aber gegen einen ernsthaften Gegner ein Spiel drehen konnte. Das ist mehr wert als irgendein Vorbereitungsergebnis gegen einen überforderten Sparringspartner.

Die nächsten Tests in England werden noch einmal zeigen, wie weit Bayer wirklich ist. Für mich ist nach Sevilla jedenfalls klar: Es funktioniert noch nicht alles, manches wirkt noch unfertig, und der neue Bayer-Fußball braucht Zeit. Aber Qualität ist vorhanden – und mit Patrik Schick haben wir glücklicherweise einen Mann, der gelegentlich dafür sorgt, dass man über die Baustellen nach einem Sieg deutlich entspannter diskutieren kann.

2:1 gewonnen, Erkenntnisse gesammelt, Schick trifft doppelt. Für Anfang August reicht mir das vollkommen. Die Meisterschale lasse ich trotzdem noch im Laden.

Freitag, 7. August 2026

Bundesliga 2026/27 – die niemalsmeister.de Saisonprognose

Zwischen Hoffnung und Hochrechnung: Meine Bundesliga-Prognose 2026/27

Die Bundesliga startet wieder, und natürlich habe ich mir vorgenommen, diesmal völlig nüchtern, objektiv und ohne jede schwarz-rote Verklärung auf die neue Saison zu schauen. Das hat ungefähr bis zu dem Moment funktioniert, als ich Bayer 04 in meine Tabelle einsortieren musste.

Hinter uns liegt schließlich eine Saison, die in Leverkusen eher unter „Ernüchterung“ als unter „Fortsetzung der Erfolgsgeschichte“ abgeheftet wurde. Platz sechs, zwei Trainer und deutlich mehr Gegentore als uns lieb sein konnte: Nach den berauschenden Alonso-Jahren fühlte sich das streckenweise an wie der Morgen nach einer sehr langen Meisterfeier. Man weiß noch, dass es schön war, aber der Kopf dröhnt.

Nun übernimmt Carles Martínez. Neuer Trainer, neue Ideen, erneut Bewegung im Kader. Nach Erik ten Hag und Kasper Hjulmand ist Martínez bereits der dritte Bayer-Coach innerhalb eines Jahres. Kontinuität sieht anders aus. Trotzdem hoffe ich, dass der Spanier aus einer talentierten Mannschaft wieder eine echte Einheit formt. Die Qualität ist vorhanden. Sie muss nur häufiger gleichzeitig auf dem Platz erscheinen.

So sieht meine Abschlusstabelle aus – selbstverständlich ohne Gewähr, aber mit reichlich Fanbrille.

Ganz oben: Meisterschaft und Champions League

1. Bayern München

Ich würde gern etwas Originelleres schreiben. Aber nach 122 Toren und 89 Punkten in der vergangenen Saison müsste ich schon beide Augen schließen, um die Bayern nicht erneut auf Platz eins zu setzen. Der Kader ist breit, teuer und erschreckend gut. Vincent Kompany hat aus dem zeitweiligen Münchner Durcheinander wieder eine ziemlich zuverlässige Titelmaschine gebaut. Vielleicht geraten sie intern noch über eine unglückliche Sitzordnung beim Mannschaftsessen aneinander. Sportlich bleibt die Konkurrenz aber zunächst hinter ihnen.

2. Borussia Dortmund

Niko Kovač hat Dortmund nicht glamouröser, aber stabiler gemacht. Platz zwei und die beste Abwehr der Liga waren keine Zufallsprodukte. Der BVB wird weniger Spektakel liefern, dafür häufiger die Spiele gewinnen, die er früher mit einer Mischung aus Nachlässigkeit und Selbstsabotage aus der Hand gegeben hätte. Für Bayern reicht es noch nicht, aber Dortmund bleibt der erste Verfolger.

3. RB Leipzig

Ole Werner führte Leipzig auf Platz drei und musste trotzdem gehen. Das ist ungefähr so, als würde man einen Koch entlassen, weil das Essen zwar schmeckt, aber nicht fotogen genug angerichtet ist. Martín Demichelis übernimmt eine Mannschaft mit viel Tempo und Talent. Der Trainerwechsel birgt Risiken, dennoch ist der Kader stark genug für die Champions League.

4. Bayer 04 Leverkusen

Ja, ich setze uns auf Platz vier. Nicht, weil nach Platz sechs plötzlich wieder alles glänzt, sondern weil ich dieser Mannschaft mehr zutraue, als sie zuletzt gezeigt hat. Patrik Schick trifft, Ibrahim Maza besitzt enormes Potenzial, und auch die jungen Neuzugänge bringen Fantasie mit. Gleichzeitig fehlen nach den Abgängen von Alejandro Grimaldo etc. wichtige Säulen.

Carles Martínez möchte offensiven, mutigen Fußball spielen. Das gefällt mir. Allerdings sollte Mut nicht erneut bedeuten, dass bei jedem Ballverlust drei gegnerische Angreifer freie Fahrt auf unser Tor haben. Gelingt Martínez die Balance, kehren wir in die Champions League zurück. Für den Titelkampf fehlt mir nach diesem erneuten Umbruch noch das Vertrauen. Meine Fanbrille ist schwarz-rot, aber nicht blickdicht.

Europa im Blick

5. VfB Stuttgart

Sebastian Hoeneß hat Stuttgart dauerhaft in der Spitzengruppe etabliert. Die Mannschaft spielt klaren, technisch starken Fußball und wirkt inzwischen erstaunlich krisenfest. Die zusätzliche Belastung durch die Champions League kostet allerdings Punkte. Platz fünf ist keine Schwäche, sondern inzwischen fast schon schwäbische Planungssicherheit.

6. TSG Hoffenheim

Hoffenheim war die positive Überraschung der Vorsaison. Christian Ilzer hat aus einem Abstiegskandidaten einen Europapokalteilnehmer gemacht. Die Doppelbelastung wird zeigen, wie belastbar dieser Aufschwung wirklich ist. Für die erneute Champions-League-Nähe reicht es nicht ganz, für Europa aber schon.

7. Eintracht Frankfurt

Adi Hütter ist zurück, und in Frankfurt hofft man auf eine Fortsetzung der alten Erfolgsgeschichte. Die Eintracht verfügt über genügend Qualität, um wieder nach Europa zu kommen. Sie besitzt aber auch das Talent, innerhalb einer Woche begeisternden Fußball, ein wildes 3:3 und eine unerklärliche Heimniederlage zu produzieren. Platz sieben passt deshalb ziemlich gut.

8. SC Freiburg

Freiburg bleibt Freiburg: klug geführt, unangenehm zu bespielen und meistens stärker, als man es vor der Saison erwartet. Julian Schuster hat den Übergang nach Christian Streich beeindruckend bewältigt. Nach der langen Europapokalsaison dürfte diesmal etwas Kraft fehlen. Für die obere Tabellenhälfte reicht es trotzdem.

Das große Mittelfeld

9. Mainz 05

Urs Fischer hat Mainz aus dem Tabellenkeller geführt und wieder zu einer Mannschaft gemacht, gegen die niemand gern spielt. Mit einer vollständigen Vorbereitung wird sein Einfluss noch deutlicher. Für Europa fehlt etwas individuelle Klasse, für einen ruhigen Mittelfeldplatz aber nicht.

10. FC Augsburg

Nach dem kurzen und wenig erfolgreichen Kapitel Sandro Wagner hat Manuel Baum den Verein stabilisiert. Augsburg wird auch diesmal weder besonders schön noch besonders bequem sein. Gegen den FCA zu spielen, fühlt sich häufig an wie eine Wanderung mit einem Stein im Schuh: irgendwie machbar, aber dauerhaft unangenehm.

11. Hamburger SV

Der HSV hat sein erstes Jahr nach der Rückkehr ordentlich überstanden. Die große Euphorie ist einer vorsichtigen Normalität gewichen – was in Hamburg vermutlich schon als historische Entwicklung gelten darf. Merlin Polzin hält die Mannschaft zusammen, der nächste Schritt nach oben kommt aber noch nicht.

12. Borussia Mönchengladbach

Unter Eugen Polanski haben sich die Fohlen stabilisiert. Mehr aber auch noch nicht. Gladbach besitzt genügend Qualität für sorgenfreie Phasen, aber zu wenig Konstanz für Europa. Wahrscheinlich wechseln sich begeisternde Heimsiege und rätselhafte Niederlagen so zuverlässig ab wie die Farben auf einer Verkehrsampel.

13. Schalke 04

Schalke ist endlich wieder da. Der Aufstieg als Zweitligameister, Miron Muslić an der Seitenlinie und eine Arena, die auch in der zweiten Liga nie ihre Wucht verloren hat, geben dem Verein Energie. Robin Gosens und die vorhandene Erfahrung helfen. Trotzdem wird es ein anstrengendes Jahr. Der Klassenerhalt gelingt – vermutlich mit mehr Drama, als medizinisch empfehlenswert ist.

14. Union Berlin

Bei Union beginnt mit Mauro Lustrinelli ein neues Kapitel. Nach einigen Wechseln in Mannschaft und sportlicher Führung fehlt mir noch ein klares Bild. Die Alte Försterei bleibt ein wichtiger Vorteil, spielerisch dürfte es jedoch zäh werden. Union rettet sich, aber erst spät.

15. 1. FC Köln

Der FC hat sich in der vergangenen Saison gerade so oberhalb der gefährlichen Zone gehalten. Unter René Wagner soll es ruhiger werden, doch im Kader fehlt weiterhin Breite. Köln wird kämpfen, leiden und sich vermutlich häufiger über Schiedsrichter, Vorstand und Wetter beschweren. Am Ende reicht es knapp – auch weil andere noch größere Probleme haben.

Zittern bis zum Schluss

16. Werder Bremen

Werder rettete sich zuletzt nur mühsam. Daniel Thioune hat die Mannschaft stabilisiert, aber die offensive Durchschlagskraft bleibt überschaubar. Bremen landet in der Relegation. An der Weser wird deshalb bis Ende Mai gezittert, gerechnet und vorsorglich schon einmal nach dem Zweitligadritten geschaut.

17. SC Paderborn

Paderborn hat den VfL Wolfsburg in der Relegation bezwungen und sich die Rückkehr redlich verdient. Ralf Kettemann lässt mutig spielen, doch zwischen Mut und Harakiri liegt in der Bundesliga manchmal nur ein einziger Fehlpass. Paderborn wird einige Favoriten ärgern, über 34 Spieltage reicht die Qualität meiner Meinung nach aber nicht.

18. SV Elversberg

Elversberg ist die schönste Geschichte dieser Saison. Ein kleiner Verein, ein kleines Stadion und die erstmalige Bundesliga-Teilnahme – genau dafür liebe ich Fußball. Vincent Wagner hat Großartiges geleistet, und vermutlich wird die SV einige Mannschaften überraschen. Trotzdem ist der Sprung gewaltig. Sympathie erzielt leider keine Tore und verhindert keine Gegentore.

Für Bayer 04 wäre Platz vier nach der enttäuschenden Vorsaison ein wichtiger Schritt zurück in die richtige Richtung. Natürlich träume ich von mehr. Das gehört zur Stellenbeschreibung eines Fans. Aber bevor wir wieder über die Meisterschale reden, sollten wir erst einmal dafür sorgen, dass unsere Abwehr nicht bei jedem gegnerischen Konter aussieht, als hätte sie gemeinsam einen dringenden Termin an der Seitenlinie.

Mittwoch, 15. Juli 2026

Neustart bei 30 Grad: Martínez lässt Bayer 04 gleich ins Schwitzen kommen

Kaum ist die Werkself wieder auf dem Trainingsplatz, beginnt für uns Fans die schönste und zugleich gefährlichste Zeit des Fußballjahres: die Saisonvorbereitung. Schön, weil endlich wieder Bälle rollen. Gefährlich, weil man nach einer einzigen öffentlichen Einheit bereits versucht ist, taktische Revolutionen, neue Stammspieler und mindestens drei kommende Weltstars zu erkennen.

Dabei war es zunächst einmal nur der Trainingsauftakt. Aber immerhin einer, der neugierig gemacht hat.

Nach rund zwei Monaten Sommerpause versammelte Carles Martínez seine Mannschaft erstmals auf dem Rasen an der BayArena. Mehrere hundert Fans schauten zu, die Temperaturen lagen bei über 30 Grad, und die Rasensprenger dürften an diesem Nachmittag zu den beliebtesten Mitarbeitern des Vereins gehört haben.

Arthur betrat als erster Spieler freudestrahlend den Platz. Das passt zu einem Trainingsstart: Alle sind gut gelaunt, alle sind motiviert, und vermutlich hat noch niemand zum zehnten Mal dieselbe intensive Laufübung absolvieren müssen.

Für Martínez war es die erste Einheit als Cheftrainer von Bayer 04. Der Spanier kündigte an, dass seine Mannschaft mit Intensität, Leidenschaft und Präzision spielen solle. Das klingt zunächst einmal hervorragend. Ehrlicherweise kenne ich allerdings keinen Trainer, der zum Amtsantritt Langsamkeit, Gleichgültigkeit und ungenaue Pässe als neues Leitbild ausgegeben hat.

Entscheidend wird deshalb nicht sein, wie gut diese drei Begriffe im Juli klingen, sondern ob sie im Herbst auf dem Platz zu erkennen sind. Gerade die Präzision dürfte dabei ein wichtiges Thema werden. Leidenschaft lässt sich relativ leicht behaupten, Intensität kann man zumindest laufen, aber Präzision zeigt sich erst dann, wenn unter Druck die richtigen Entscheidungen getroffen werden.

Positiv finde ich, dass Martínez offenbar sehr kommunikativ auftritt. Nathan Tella beschrieb den neuen Trainer als klar und direkt und betonte, dass die Mannschaft genau das benötige. Bei einem jungen Team ist das tatsächlich nicht unwichtig. Junge Spieler brauchen Freiheiten, aber sie brauchen ebenso klare Aufgaben. Fußballerische Selbstverwirklichung ist schön, solange am Ende noch jemand weiß, wer den gegnerischen Außenverteidiger aufnehmen soll.

Martínez selbst stellte heraus, dass jeder Spieler im Kader die Chance habe, sich für die Startelf zu empfehlen. Auch das gehört zum üblichen Vokabular eines neuen Trainers, ist aber trotzdem richtig. In einer Vorbereitung müssen die Karten zumindest ein Stück weit neu gemischt werden. Wer schon im Juli das Gefühl bekommt, lediglich Trainingsmaterial für die vermeintliche Stammelf zu sein, wird kaum sein Maximum abrufen.

Interessant war auch die Beteiligung von fünf U19-Spielern. Osman Turay, Jonah Berghoff, Jeremiah Mensah, Dustin Buck und Torhüter Simeon Rapsch durften sich bei den Profis zeigen. Natürlich sollte man aus einer Trainingsteilnahme noch keine große Durchbruchsgeschichte schreiben. Trotzdem freue ich mich immer, wenn Talente aus dem eigenen Nachwuchs ihre Gelegenheit erhalten.

Nicht jeder Jugendspieler wird Bundesligaprofi, und nicht jeder gute Eindruck im Training führt zu einem Einsatz in der BayArena. Aber ein Verein wie Bayer 04 muss jungen Spielern zumindest eine glaubwürdige Perspektive bieten. Sonst kann man sich das Leistungszentrum irgendwann auch als besonders große Umkleidekabine anrechnen lassen.

Mit Afonso Moreira stand zudem ein Neuzugang erstmals mit der Mannschaft auf dem Platz. Kennet Eichhorn fehlte wegen eines privaten Termins in Berlin, während die WM-Teilnehmer später in die Vorbereitung einsteigen. Der Kader war also noch längst nicht vollständig. Auch deshalb sollte man den ersten Trainingstag nicht überbewerten.

Trotzdem beginnt jetzt die entscheidende Phase für das neue Trainerteam. Martínez muss seine Ideen vermitteln, Rollen verteilen und aus bekannten Spielern, jungen Talenten und neuen Gesichtern eine funktionierende Mannschaft formen. Dabei hilft das familiäre Umfeld, das er ausdrücklich gelobt hat. Harmonie ist zweifellos wertvoll. Sie darf nur nicht mit Bequemlichkeit verwechselt werden.

Nathan Tella möchte nach seiner Verletzung fit bleiben und konstant gute Leistungen zeigen. Das wäre für Bayer 04 wichtig. Konkurrenz im Kader kann Spieler antreiben, solange sie nicht zu dauernder Unzufriedenheit führt. Auch hier ist der Trainer gefragt: Er muss Entscheidungen klar erklären und gleichzeitig dafür sorgen, dass diejenigen außerhalb der Startelf nicht innerlich bereits im September Wintertransfers planen.

Der erste Test gegen die Sportfreunde Baumberg wird noch keine großen Antworten liefern. Testspiele im Juli besitzen ungefähr dieselbe Aussagekraft wie Wetterprognosen für den nächsten Frühling. Trotzdem wird man erste Ansätze erkennen können: Wie möchte Martínez aufbauen? Wie aggressiv wird gepresst? Welche Rolle spielen die jungen Spieler? Und wie ernst nimmt die Mannschaft die angekündigten Begriffe Intensität, Leidenschaft und Präzision?

Nach dem ersten Training bin ich vorsichtig optimistisch. Der neue Trainer wirkt engagiert, kommunikativ und klar. Mehr kann man nach einer Einheit kaum seriös feststellen.

Die Werkself ist wieder da, die Vorfreude ebenfalls – und meine Fanbrille sitzt schon wieder so fest, dass selbst 30 Grad im Schatten sie nicht beschlagen lassen.
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Freitag, 5. Juni 2026

Bayer 04 überrascht mit Martínez: Ein Trainer ohne Glamour, aber mit viel Versprechen

Bayer 04 Leverkusen geht mit einem neuen Cheftrainer in die nächste Saison: Carles Martínez Novell übernimmt die Werkself zum 1. Juli 2026 und erhält einen Vertrag bis zum 30. Juni 2028. Der 42-jährige Spanier kommt vom FC Toulouse, den er zuletzt in der französischen Ligue 1 betreute, und folgt in Leverkusen auf Kasper Hjulmand, der den Klub nach nur einer Spielzeit wieder verlässt.

Auf den ersten Blick ist diese Personalie vielleicht nicht der ganz große Name, den manche erwartet hätten. Kein Trainer, der sofort mit einer langen Titelsammlung oder großem medialem Donnerhall daherkommt. Aber genau darin liegt der interessante Punkt dieser Entscheidung. Bayer 04 scheint bewusst nicht auf maximale Lautstärke zu setzen, sondern auf ein Profil, das zur sportlichen Ausrichtung des Vereins passen soll: modern, entwicklungsorientiert, international geprägt und mit klarem Fokus auf die Arbeit mit jungen Spielern.

Martínez bringt dafür durchaus spannende Voraussetzungen mit. In Toulouse hat er eine international zusammengestellte Mannschaft stabilisiert, weiterentwickelt und sportlich auf ein solides Niveau geführt. Besonders hervorgehoben wird seine strukturierte Arbeitsweise, seine klare Kommunikation mit Spielern und Staff sowie seine detailorientierte Trainingsarbeit. Bayer 04 sieht in ihm offenbar keinen kurzfristigen Feuerwehrmann, sondern einen Trainer, der eine Mannschaft formen, verbessern und auf ein konstant hohes Niveau bringen kann.

Besonders interessant ist sein Hintergrund in der Nachwuchsarbeit. Martínez arbeitete mehrere Jahre in La Masia, der berühmten Talentschmiede des FC Barcelona. Dort war er unter anderem an der Entwicklung von Spielern wie Gavi, Xavi Simons und Ansu Fati beteiligt. Für einen Klub wie Bayer 04, der traditionell stark davon lebt, junge Spieler früh zu erkennen, sie weiterzuentwickeln und sportlich wie wirtschaftlich auf die nächste Stufe zu heben, ist genau diese Erfahrung ein wichtiger Baustein.

Natürlich bleibt die Verpflichtung auch ein Risiko. Die Bundesliga ist nicht die Ligue 1, Leverkusen ist nicht Toulouse, und die Erwartungshaltung bei Bayer 04 ist nach den starken Jahren deutlich gestiegen. Wer die Werkself übernimmt, übernimmt inzwischen keinen gemütlichen Entwicklungsverein mehr, sondern einen Klub mit europäischem Anspruch. Bayer 04 will dauerhaft oben mitspielen, international konkurrenzfähig bleiben und die eigene Position unter den führenden Vereinen Europas weiter festigen. Das ist ein hoher Anspruch für einen Trainer, der auf dieser Bühne erst noch beweisen muss, dass er auch unter größerem Druck bestehen kann.

Gleichzeitig passt die Entscheidung zur Linie des Vereins. Bayer 04 hat in den vergangenen Jahren häufig davon profitiert, nicht immer den offensichtlichsten Weg zu gehen. Spieler wurden früh verpflichtet, bevor sie überall auf dem Zettel standen. Trainerentscheidungen wurden nicht nur nach Namen, sondern nach Idee, Passung und Entwicklungspotenzial getroffen. Carles Martínez Novell könnte genau in diese Kategorie fallen: kein Glamour-Transfer an der Seitenlinie, aber möglicherweise ein Trainer mit einer klaren Idee davon, wie moderner Fußball funktionieren soll.

Für die Fans beginnt damit eine spannende neue Phase. Die entscheidende Frage wird sein, ob Martínez seine Prinzipien schnell genug auf die Mannschaft übertragen kann. Bayer 04 braucht nicht nur schönen Fußball, sondern Ergebnisse. Nicht nur Entwicklung, sondern Stabilität. Nicht nur Talentförderung, sondern zählbare Erfolge. Gerade nach dem Abgang von Kasper Hjulmand wird es darauf ankommen, dass der neue Trainer rasch Vertrauen aufbaut und der Mannschaft eine klare Richtung gibt.

Am Ende ist die Verpflichtung von Carles Martínez Novell eine dieser Entscheidungen, die erst im Rückblick endgültig bewertet werden können. Sie kann als mutiger, kluger Schritt erscheinen – oder als Experiment, das zu groß für den Moment war. Im Hier und Jetzt wirkt sie vor allem konsequent. Bayer 04 setzt auf einen Trainer, der für Entwicklung, Struktur und moderne Fußballideen steht. Ob daraus die nächste erfolgreiche Werkself-Geschichte wird, zeigt sich ab dem 1. Juli.

Freitag, 22. Mai 2026

Der niemalsmeister (war gestern) Saisonrückblick: Prognose versus Endstand

Wenn man die niemalsmeister.de-Saisonprognose mit der tatsächlichen Abschlusstabelle vergleicht, muss man sagen: Ganz oben war die Glaskugel erstaunlich stabil, danach wurde sie aber zunehmend zu einem dieser Bayer-04-Spielaufbauten, bei denen man nach zehn Pässen denkt: Sieht gut aus, aber wohin führt das jetzt genau?

Den Meister richtig getippt: Bayern München. Leider. Da war die Prognose so mutig wie ein Tipp auf Regen in Leverkusen im November, aber sie stimmte. Die Bayern wurden nicht nur Meister, sie haben die Liga mit 89 Punkten und 122 Toren ziemlich humorlos zerlegt. Dass sie am Ende 16 Punkte vor Dortmund lagen, zeigt: Von echter Titelspannung war weniger übrig als von einer Stadionwurst nach der Halbzeitpause.

Dortmund wurde tatsächlich Zweiter, allerdings einen Platz besser als getippt. Kovac hat den BVB also offenbar wirklich stabiler gemacht, zumindest stabil genug, um Bayer 04 klar hinter sich zu lassen. Und damit kommen wir zum schmerzhaften Teil: Bayer wurde nicht Vizemeister, sondern Sechster. Statt Bayern lange zu ärgern, haben wir am Ende eher uns selbst geärgert. Der Tipp war aus Fanbrille verständlich, vielleicht sogar romantisch, aber die Realität war deutlich nüchterner: 59 Punkte, neun Niederlagen, zu viele verschenkte Spiele. Man kann sagen: Die Prognose hatte Vertrauen in Bayer 04. Die Mannschaft hatte leider nicht immer dieselbe Verlässlichkeit.

Besonders bitter ist, dass Leverkusen nur drei Punkte hinter Platz vier und zwei Punkte hinter Hoffenheim landete. Es war also nicht so, dass die Champions League außer Reichweite gewesen wäre. Sie lag eher auf dem Tisch, sauber angerichtet, und Bayer hat beim Zugreifen wieder einmal das Besteck fallen lassen. Genau deshalb wirkt Platz sechs enttäuschender, als er tabellarisch vielleicht aussieht.

RB Leipzig und Stuttgart wurden beide unterschätzt, aber nicht dramatisch. Leipzig landete auf Platz drei statt fünf, Stuttgart auf Platz vier statt sechs. Beide waren also stärker und konstanter als erwartet. Gerade Stuttgart hat bewiesen, dass die gute Entwicklung eben kein kurzer Betriebsunfall nach oben war. Leider musste Bayer das im Saisonendspurt auch noch selbst leidvoll bestätigen.

Der größte Fehlgriff der Prognose war eindeutig Hoffenheim. Getippt auf Platz 13, tatsächlich Fünfter. Aus der grauen Mittelmaß-Suppe wurde plötzlich Europa-Feinkost. Das muss man anerkennen, auch wenn es als Bayer-Fan ein bisschen weh tut, wenn ausgerechnet Hoffenheim den Platz vor uns belegt. Die TSG war nicht spektakulär besser in der Tordifferenz, aber sie war einen Tick effizienter, einen Tick stabiler – und am Ende eben zwei Punkte vor Bayer.

Frankfurt dagegen wurde deutlich zu optimistisch eingeschätzt. Statt Champions League auf Platz vier gab es nur Rang acht. Da roch die Prognose nach Europa, die Realität eher nach durchwachsenem Donnerstag ohne internationalen Glanz. Freiburg wurde mit Platz sieben exakt richtig getroffen – Chapeau. Das war der schöne Moment, in dem die Glaskugel kurz aussah wie ein Präzisionsinstrument.

Im Mittelfeld gab es Licht und Schatten. Mainz wurde statt Achter nur Zehnter, Gladbach statt Neunter Zwölfter, der HSV statt Zehnter Dreizehnter. Die grobe Richtung stimmte: alle drin, alle nicht spektakulär, alle irgendwie Bundesliga-Graubereich mit gelegentlichem Puls. Augsburg wurde mit Platz 15 zu tief eingeschätzt und landete auf Rang neun. Das war eine echte Überraschung, denn statt Rasierklinge gab es am Ende ziemlich soliden Klassenerhalt mit Mittelfeldblick.

Köln wurde zu freundlich gesehen. Platz elf war getippt, Platz 14 wurde es. Immerhin Klassenerhalt, aber mehr Kampfzone als Komfortzone. Bremen wurde ebenfalls überschätzt: Statt ruhigem Platz zwölf ging es runter auf Rang 15, punktgleich mit Köln und nur knapp vor der Relegation. Wolfsburg dagegen wurde fast perfekt eingeordnet: getippt 14., tatsächlich 16. – nur war es am Ende noch ungemütlicher als erwartet.

Unten lag die Prognose erstaunlich nah dran, nur Union Berlin hat sich geweigert, brav in die Relegation zu gehen. Getippt auf Platz 16, tatsächlich Elfter. Das war deutlich stabiler als erwartet. St. Pauli und Heidenheim wurden beide als Absteiger gesehen und landeten tatsächlich auf den letzten beiden Plätzen, wenn auch Heidenheim vor St. Pauli. Da war die Einschätzung ziemlich treffsicher: sympathisch, kämpferisch, aber am Ende zu wenig Bundesliga-Substanz.

Unterm Strich war die Prognose oben bei Bayern, Dortmund und dem erweiterten Europa-Rahmen gar nicht so schlecht, aber sie hatte zwei große blinde Flecken: zu viel Vertrauen in Bayer 04 und viel zu wenig Vertrauen in Hoffenheim. Aus Leverkusener Sicht ist genau das natürlich die bittere Pointe dieser Saison. Man hatte Bayer auf Platz zwei gesehen, weil Qualität, Kader und Anspruch dafür sprachen. Am Ende wurde es Platz sechs, weil Anspruch allein keine Punkte holt und Dominanz ohne Konsequenz nur hübsche Statistik ist.

Die Saisonprognose war also keine Vollkatastrophe, aber sie hatte eindeutig Fanbrille mit Sehstärke „Champions League“. Leider hat Bayer 04 auf dem Platz eher die Lesebrille gesucht.

Dienstag, 19. Mai 2026

Der niemalsmeister-Saisonrückblick 2025/26: Platz sechs, Puls 180 und die Kunst, sich selbst im Weg zu stehen

Diese Saison von Bayer 04 war wie ein viel zu langer VAR-Check: Man wusste zwischendurch nie genau, ob man jubeln, fluchen oder vorsorglich den Fernseher aus dem Fenster werfen soll. Platz sechs, Europa League, 59 Punkte – das ist auf dem Papier ordentlich. Für Bayer 04 im Jahr 2026 fühlt es sich aber zu wenig an. Nicht nach Absturz, eher nach verschenktem Upgrade. Wie Business-Class gebucht und dann freiwillig im Gepäckfach Platz genommen.

Der rote Faden dieser Spielzeit war leider nicht nur schwarz-rot, sondern auch ziemlich nervig: Dominanz ohne Ertrag. Immer wieder hatte Bayer den Ball, die Kontrolle, die besseren Phasen, die Statistiken auf seiner Seite – und am Ende trotzdem zu wenig Punkte. Gegen Mainz spät gerettet, in Freiburg ein 3:3 verschenkt, in Heidenheim gegen den Tabellenletzten trotz drei eigener Tore nicht gewonnen, gegen Augsburg 35 Schüsse und null Punkte, zum Abschluss gegen den HSV 26 Torschüsse, Elfmeter, Heimspiel, alles angerichtet – und wieder nur 1:1. Irgendwann ist das kein Pech mehr, sondern ein Muster mit Dauerkarte.

Natürlich gab es auch starke Momente. Das 1:0 in Dortmund war erwachsen, hart, wichtig. Das 4:1 gegen Leipzig zeigte, was diese Mannschaft eigentlich kann, wenn sie ihre PS nicht nur im Standgas bewundert. Patrik Schick trug die Offensive phasenweise auf seinen Schultern, Garcia wurde immer wichtiger, Quansah und Tapsoba lieferten nicht nur defensiv, sondern mussten vorne teilweise gleich mit die Feuerwehr spielen. Dazu kamen junge Lichtblicke wie Culbreath oder Kofane, die gezeigt haben, dass in Leverkusen nicht nur über Zukunft geredet wird, sondern manchmal auch eine über den Platz rennt.

Aber genau deshalb ärgert Platz sechs so sehr. Diese Mannschaft hatte Qualität. Sie hatte genug gute Spiele, genug individuelle Klasse, genug Chancen auf mehr. Was fehlte, war Reife. Zu oft wurde nach Führungen abgeschaltet, zu oft kam die Reaktion erst nach dem Rückstand, zu oft wirkte Bayer wie ein Team, das den Gegner beherrscht, aber das Spiel nicht tötet. Und wer Champions League will, darf nicht regelmäßig Punkte liegen lassen wie Pfandbons in der Jackentasche.

Auch im Pokal und in der Champions League blieb dieses Gefühl: ordentlich, manchmal stolz, aber nicht final zwingend. Gegen Arsenal nicht blamiert, gegen Bayern im Pokal nicht chancenlos – aber eben raus. Am Ende bleibt eine Saison mit guten Ansätzen, starken Einzelgeschichten und viel zu vielen „eigentlich“-Momenten.

Europa League nehmen wir mit. Natürlich. Mit Fanbrille gewinnen wir das Ding, wahrscheinlich nach Verlängerung, drei Herzstillständen und einem Andrich-Zweikampf, der später als Baumaßnahme angemeldet werden muss. Aber kritisch bleibt: Bayer 04 hat 2025/26 nicht zu wenig Talent gehabt, sondern zu wenig Konsequenz. Und wenn aus Dominanz nicht endlich Tore, Siege und Stabilität werden, bleibt Platz sechs kein Ausrutscher – sondern eine Warnung. 

Sonntag, 17. Mai 2026

Platz sechs – oder: Wie man mit vollem Kühlschrank hungrig ins Bett geht

Platz sechs. Europa League. Klingt erstmal nach solidem Handwerk, nach ordentlichem Zeugnis, nach „war stets bemüht mit internationaler Perspektive“. Aber ganz ehrlich: Im Nachhinein fühlt sich diese Saison enttäuschend an. Nicht katastrophal, nicht zum Weglaufen, aber eben wie ein vielversprechender Angriff, der am Ende am eigenen Schnürsenkel hängen bleibt.

Das 1:1 gegen den HSV war dafür leider das passende Saison-Schlussbild. Bayer drückt, Bayer dominiert, Bayer sammelt Ballbesitz wie andere Leute Payback-Punkte – und am Ende steht wieder nur ein Remis. 26 Torschüsse, über weite Strecken Kontrolle, dazu ein Elfmeter: Eigentlich müsste man so ein Spiel gewinnen, wenn man ernsthaft Champions League spielen will. Stattdessen wurde wieder Chancenwucher betrieben, als gäbe es für vergebene Großchancen am Saisonende Bonuspunkte. Gibt es aber nicht. Es gibt Platz sechs.

Natürlich kann man sagen: neue Mannschaft, schwieriger Start, Schwankungen, Europa ist Europa. Stimmt alles. Und ja, wir Bayer-Fans wissen auch, dass man nicht jede Saison mit Zauberfußball und Konfettikanone durch die Liga pflügt. Aber genau deshalb ärgert es ja so. Diese Mannschaft hatte genug Qualität, genug Phasen, genug Momente, um mehr aus dieser Saison zu machen. Es fehlte nicht an Talent, sondern zu oft an Konsequenz. Vorne wurde liegen gelassen, hinten reichte dem Gegner manchmal ein sauberer Gedanke und ein strammer Schuss, um uns wieder in die kollektive Stirnfalte zu treiben.

Platz sechs ist kein Absturz, aber für Bayer 04 inzwischen eben auch kein Grund, sich auf die Schulter zu klopfen, bis der Physio kommen muss. Nach den letzten Jahren sind die Ansprüche andere. Wer so viel Spielkontrolle hat, muss daraus mehr machen. Wer den Anspruch Champions League formuliert, darf nicht regelmäßig Punkte verschenken wie Werbekugelschreiber in der Fußgängerzone.

Die Europa League nehmen wir natürlich mit. Mit Fanbrille betrachtet gewinnen wir das Ding selbstverständlich, wahrscheinlich mit drei abgefälschten Garcia-Standards und einem Andrich-Grätschenmuseum im Halbfinale. Aber kritisch bleibt: Diese Saison war eine verpasste Chance. Und die größte Baustelle ist klar: Aus Dominanz müssen Tore werden. Sonst bleibt Bayer 04 die schönste Maschine im Werk, die leider zu oft das fertige Produkt vergisst. 

Samstag, 9. Mai 2026

Vom Blitzstart zur Blackout-Show – wie wir in Stuttgart wieder alles vergaßen, außer wie man führt

Es gibt Spiele, die erzählen dir alles über eine Saison. Und dann gibt es dieses 1:3 in Stuttgart, das dir ins Gesicht brüllt: „Champions League? Nur wenn die anderen kollektiv den Stecker ziehen.“ Nach 34 Sekunden dachte man noch, wir hätten das Drehbuch geschrieben. Pressing, Ballgewinn, Garcia – zack, Führung. So spielt ein Team, das nach Europa will. Dachte man.

Was dann folgte, war leider eher ein Best-of unserer bekannten Schwächen. Stuttgart durfte genau das sein, was wir eigentlich sein wollten: gierig, klar, strukturiert. Während wir uns nach dem Traumstart gemütlich in die Rolle des Beobachters verabschiedeten, hat der VfB einfach gemacht. Und wir? Haben zugeschaut, wie Demirovic zur Dauerwerbesendung wird, ohne den Kanal zu wechseln.

Das Problem ist nicht, dass man in Stuttgart verlieren kann. Das Problem ist, *wie*. Kaum Zugriff im Mittelfeld, zu große Abstände, zu wenig Konsequenz in den Zweikämpfen. Und vorne? Nach dem 1:0 praktisch abgemeldet. Sechs Schüsse, ein xG zum Wegschauen – das ist kein Ausrutscher, das ist ein Statement. Leider das falsche.

Der Elfmeter kurz vor der Pause passt dann ins Bild: unnötig, ungeschickt, und natürlich maximal bitter im Timing. Dass Stuttgart danach Blut geleckt hat, war absehbar. Dass wir keine Antwort mehr hatten, leider auch. Diese Mannschaft kann spektakulär – aber sie kann eben auch komplett den Faden verlieren. Beides haben wir diese Saison oft genug gesehen.

Unterm Strich bleibt das Gefühl, dass uns in solchen Spielen genau das fehlt, was Top-Teams auszeichnet: Stabilität, Reife, ein klarer Plan B. Stattdessen sind wir zu oft abhängig von Momenten – und wenn die verpuffen, stehen wir da wie in Stuttgart: ratlos und hinterherlaufend.

Jetzt also HSV und hoffen, dass zwei Konkurrenten patzen. Realistisch? Eher nicht. Aber gut, wir sind Bayer 04 – Hoffnung ist ja irgendwie Teil der DNA. Nur sollte man sich langsam fragen, warum wir sie immer wieder brauchen.

Sonntag, 3. Mai 2026

Patrik Schick!!!

Manchmal gibt es Fußballabende, da verlässt man die BayArena und fragt sich, ob man gerade wirklich Bayer 04 gesehen hat oder ob jemand heimlich den Champions-League-Modus im Menü aktiviert hat. Dieses 4:1 gegen Leipzig war so ein Abend. Nicht, weil alles plötzlich wieder perfekt wäre – wir sind schließlich Leverkusener, wir misstrauen selbst einer 3:0-Führung noch mit fachkundiger Panik –, sondern weil diese Mannschaft rechtzeitig begriffen hat, worum es geht.

Rang vier. Champions League in Reichweite. Zwei Spiele vor Schluss. Das ist keine Wohlfühloase, das ist ein Hochseilakt mit Werkself-Logo. Und genau deshalb war dieser Sieg so wichtig: nicht nur wegen der drei Punkte, sondern wegen der Art. Bayer spielte nicht wie ein Team, das hofft, irgendwie durchzurutschen, sondern wie eines, das die Tür zur Königsklasse mit Anlauf eintreten will. Leipzig kam mit fünf Siegen in Serie, ging aber phasenweise spazieren wie ein Gast, der sich in der BayArena verlaufen hat und höflich nach dem Ausgang sucht.

Patrik Schick war dabei natürlich der Mann des Abends. Drei Tore, 103 Pflichtspieltreffer für Bayer, aktuell heißer als die Bratwurstplatte am Bierstand. Wenn Schick so spielt, wirkt Strafraumfußball plötzlich wieder wie eine seriöse Kunstform und nicht wie ein kompliziertes Forschungsprojekt. Besonders schön: Er ist nicht nur Vollstrecker, sondern wieder Führungsspieler. Genau das braucht Bayer jetzt. Keine Schönspielerei mit Wattebäuschchen, sondern klare Ansagen, kalte Abschlüsse und ein bisschen tschechische Abrissbirne.

Auch Tella, Garcia, Maza und Palacios zeigten, dass diese Mannschaft mehr kann als gelegentlich hübsch kombinieren und anschließend rätselhaft den Stecker ziehen. Das Gegenpressing hatte Biss, die Pässe hatten Tempo, die BayArena hatte Puls. Und ja, die Fans waren ein Faktor. Dieses Stadion kann, wenn es will, mehr sein als ein akustisch gepflegter Familienausflug mit Sitzschalenkomfort.

Trotzdem: Bitte jetzt nicht wieder in die Leverkusener Spezialdisziplin verfallen, nämlich nach einem großen Schritt direkt über die eigenen Schnürsenkel stolpern. Stuttgart wird kein Betriebsausflug, sondern das nächste Endspiel. Wer Champions League will, muss dort genauso auftreten: wach, mutig, gierig. Gegen Leipzig war das ein Statement. Jetzt muss daraus eine Bewerbung werden.

Sonntag, 26. April 2026

Schick in Köln: Zwei Tore, drei Punkte und ein bisschen Herzkasper für die Fanpflege

Es gibt Derbysiege, die riechen nach Dominanz, Kontrolle und einem entspannten Nachmittag. Und dann gibt es dieses 2:1 in Köln: ein Sieg, der eher nach Pulsuhr, kaltem Kaffee und erleichtertem Ausatmen schmeckte. Aber seien wir ehrlich: In Köln gewinnen ist immer schön. Fünf Derbysiege in Serie? Das ist nicht nur schön, das ist schon fast ein betreutes Wohnen für rheinische Fußballgefühle.

Bayer 04 kam nicht gerade wie ein Orkan aus der Kabine. Köln war zu Beginn griffiger, wacher und hatte durchaus Momente, in denen man als Leverkusener kurz überprüfte, ob das Sofa noch tragfähig ist. Nach dem Pokal-Aus gegen Bayern war ohnehin klar: Diese Mannschaft trägt gerade keinen Zauberumhang, sondern eher Arbeitshandschuhe. Und genau so sah es auch aus. Vieles war zäh, manches unsauber, aber am Ende eben erfolgreich. Das muss man in dieser Saisonphase auch erst mal hinkriegen.

Der große Unterschied hieß Patrik Schick. Während andere noch über Derbyhektik, zweite Bälle und Kölner Galligkeit nachdachten, machte Schick einfach das, wofür man Mittelstürmer bezahlt: treffen. Erst sicher vom Punkt, dann eiskalt nach Tellas Vorlage. 100 Pflichtspieltore für Bayer 04 sind keine Randnotiz, sondern ein Ausrufezeichen mit tschechischem Akzent. Schick ist gerade nicht nur on fire, er ist die Brandschutzversicherung unserer Champions-League-Hoffnungen.

Trotzdem sollte man die schwarz-rote Fanbrille kurz putzen: Souverän war das nicht durchgehend. Ohne Janis Blaswich, der kurzfristig für Mark Flekken einsprang und mehrfach stark hielt, hätte der Nachmittag unangenehmer werden können. Köln hatte Chancen, Pfosten inklusive, und nach Waldschmidts Anschlusstreffer wurde aus Derbyverwaltung plötzlich wieder Derbyzittern. Bayer ließ sich zu sehr zurückfallen, verwaltete den Vorsprung phasenweise, als hätte jemand vergessen, dass Fußballspiele 90 Minuten dauern und Köln aus Prinzip erst dann nervig wird, wenn man denkt, es sei erledigt.

Erfreulich waren die Comebacks von Arthur und Eliesse Ben Seghir. In dieser heißen Schlussphase kann jede frische Option Gold wert sein. Denn jetzt kommen Leipzig, Stuttgart und Hamburg, und der Kampf um die Champions League wird kein Spaziergang über die Dhünn.

Aber fürs Erste gilt: Derbysieg. Wieder. In Köln. Danke, Patrik. Der Dom steht noch, aber die Punkte sind in Leverkusen.

Donnerstag, 23. April 2026

Halbfinale, halbe Hoffnung, ganzer Flekken

Es gibt diese Abende, an denen man gegen Bayern spielt und schon nach zehn Minuten das Gefühl hat, dass der eigene Torwart demnächst Schmerzensgeld beantragen sollte. Genau so ein Abend war das. Dass Bayer 04 dieses Pokal-Halbfinale nicht schon zur Pause aus der Hand gegeben hatte, lag vor allem an Mark Flekken, der stellenweise wirkte wie der letzte vernünftige Mensch in einem Haus, das langsam brennt.

Das 0:2 klingt am Ende klarer, als es sich angefühlt hat. Und genau das ist der ärgerliche Teil. Nicht, weil wir über 90 Minuten die bessere Mannschaft gewesen wären – das wären wir nur mit sehr großer Fanbrille und zwei Kölsch im Blut. Sondern weil nach dieser ersten Halbzeit eigentlich mehr kaputt war, als später auf dem Platz zu sehen war. Bayer hat sich zurück ins Spiel gearbeitet, hat die Bayern nicht einfach durchwinken lassen und gezeigt, dass diese Mannschaft noch Stolz, Struktur und Widerstand in sich hat. Nur leider auch wieder diese merkwürdige Angewohnheit, große Spiele erst dann wirklich anzunehmen, wenn man schon hinten liegt.

Das ist der eigentliche Knackpunkt dieses Abends. Nicht das Ausscheiden gegen Bayern, das kann passieren. Sondern die Art, wie vorsichtig, fast ehrfürchtig man zunächst aufgetreten ist. Als müsse man erst höflich fragen, ob man im eigenen Stadion auch mitspielen darf. In der zweiten Halbzeit war plötzlich Tempo da, Zugriff, Mut, Wucht. Also genau das, was man gegen diese Münchner braucht, wenn man sie ärgern will. Und sofort sah das Spiel anders aus. Da merkte man: Auch diese Bayern sind nicht unantastbar, wenn man sie beschäftigt statt bestaunt.

Trotzdem bleibt neben dem Frust auch etwas, das man in Leverkusen nicht kleinreden sollte: Diese Mannschaft fällt nicht auseinander. Sie hat nach schwierigen Wochen eine Reaktion gezeigt, die mehr über ihren Charakter verrät als das nüchterne Ergebnis. Dass die historische Pokal-Torserie ausgerechnet an so einem Abend endet, passt natürlich ins Drama. Sehr Bayer 04, sehr unerquicklich.

Jetzt hilft kein Pokal-Kater, sondern nur der Blick nach vorn. Köln und Leipzig warten, und in der Liga geht es um alles. Vielleicht nimmt die Werkself aus diesem Abend wenigstens die richtige Lehre mit: Weniger Respekt, mehr Radau. Flekken hätte es verdient.

Sonntag, 19. April 2026

35 Schüsse, 1 Tor, 0 Punkte – willkommen im Lehrgang für fortgeschrittene Fußballgrausamkeit

Es gibt Spiele, nach denen man aus der BayArena geht und sich fragt, ob man gerade ein Bundesligaspiel gesehen hat oder eine besonders sadistische Kunstinstallation zum Thema Effizienz. Bayer 04 macht über 70 Prozent Ballbesitz, feuert 35-mal aufs Tor, schnürt Augsburg phasenweise so tief ein, dass man Mitleid bekommen könnte – und verliert am Ende 1:2. Natürlich spät. Natürlich maximal unerquicklich. Natürlich genau so, dass es besonders wehtut.

Das Ärgerliche daran ist ja nicht einmal nur das Ergebnis, sondern die alte, vertraute Leverkusener Mischung aus Überlegenheit und Selbstbestrafung. Diese Mannschaft kann Gegner minutenlang an die Wand spielen, sie kann Räume finden, Druck erzeugen, das Spiel komplett kontrollieren – und dann wirkt der Strafraum plötzlich wie eine Mischung aus Flipperautomat und Hochsicherheitstrakt. Viel Aktion, wenig Ertrag. Dass ausgerechnet Augsburg mit überschaubarem Aufwand zwei Tore macht, passt dann ins Bild eines Nachmittags, an dem Fußball wieder seine zynische Seite gezeigt hat.

Dabei gab es durchaus Dinge, die Hoffnung machen. Tapsoba spielt weiterhin in einer Form, bei der man sich fragt, ob er heimlich zwei zusätzliche Lungen und ein Mittelfeld-Gehirn implantiert bekommen hat. Quansah und Vázquez sind nach ihren Pausen zurück, die Mannschaft wirkt grundsätzlich stabil, dominant und spielerisch reif. Das ist die gute Nachricht. Die schlechte ist: Dominanz allein bringt dir gegen clevere, unangenehme Gegner exakt gar nichts, wenn du vorne aus einer Belagerung keinen Nutzen ziehst.

Und genau da beginnt die Kritik. So sehr wir diese Mannschaft lieben, so sehr muss man sagen: Wer in dieser Saison etwas Großes holen will, darf sich solche Tage nicht als Betriebsunfall schönreden. 35 Torschüsse sind kein Beweis für gnadenlose Offensivkraft, wenn am Ende nur ein Kopfball von Schick im Netz liegt. Dann sind 35 Torschüsse vor allem ein Beweis dafür, dass man zu oft die falsche Entscheidung trifft, zu hektisch abschließt oder einen Torhüter warm schießt, bis er sich wie Neuer 2014 fühlt.

Immerhin: Die Fans waren da, laut, treu, stabil. So wie immer, wenn Bayer 04 einen emotionalen Schleudergang veranstaltet. Und vielleicht ist genau das der Punkt vor Pokal gegen Bayern und Derby in Köln: nicht jammern, sondern Wut konservieren. Aber bitte mit besserem Zielwasser.

Samstag, 11. April 2026

Andrich macht den Dortmunder Westfalenzirkus zum Leverkusener Wohnzimmer

Es gibt Siege, die fühlen sich größer an als drei Punkte. Und dann gibt es dieses wunderbar schnörkellose 1:0 in Dortmund, das ungefähr so glamourös war wie eine Werkzeugkiste im Regen – und gerade deshalb so schön. Bayer 04 hat beim Tabellenzweiten kein Feuerwerk abgefackelt, sondern eine sehr erwachsene Partie gespielt. Nicht spektakulär, nicht immer hübsch, aber genau so, wie man in dieser Phase der Saison Auswärtsspiele bei einem Topgegner gewinnen muss: mit Geduld, Nerven und einem Robert Andrich, der den Ball behandelt hat, als wolle er persönlich die Champions League wieder an den Rhein schubsen.

Dabei war der Anfang noch ziemlich unerquicklich. Dortmund hatte den Ball, wir hatten erstmal das mulmige Gefühl, dass das wieder so ein Nachmittag werden könnte, an dem Bayer nur auf Gefahrenverwaltung setzt. Nach den wilden Wochen mit zu viel Chaos, zu vielen Gegentoren und zu viel “offen für alles” war das aber vielleicht genau die notwendige Korrektur. Hjulmand hat seiner Mannschaft erkennbar eingebläut, dass man ein Spitzenspiel nicht immer mit Glanz gewinnt, sondern manchmal einfach damit, dem Gegner den Spaß zu verderben. Willkommen im Fußball der Vernunft – auch wenn das für uns Fans natürlich nur halb so sexy ist wie drei Steckpässe und ein Grimaldo-Strahl in den Winkel.

Dass ausgerechnet Andrich das Spiel entscheidet, passt perfekt. Einer, der zuletzt nicht immer nur Lob geerntet hat, setzt in Dortmund das Zeichen des Tages. Das war nicht nur ein schönes Tor, das war auch eine kleine Erinnerung daran, dass diese Mannschaft noch immer Typen hat. Und Typen braucht es im Rennen um die Königsklasse mehr als schöne Passstafetten für Taktikromantiker.

Natürlich gehört zur Wahrheit auch: Bayer hatte in der zweiten Halbzeit nicht alles im Griff. Guirassys Lattentreffer war kein Betriebsunfall, sondern ein Warnschild. Und offensiv hätte man manche Umschaltsituation sauberer zu Ende spielen können. Ganz abgeklärt ist diese Mannschaft also noch nicht. Aber vielleicht ist genau das der Fortschritt: dass sie selbst dann gewinnt, wenn nicht alles rund läuft.

Am Ende bleibt ein Sieg mit Signalwirkung. In Dortmund, wo sonst gern großspurig vom Anspruch gesprochen wird, hat Bayer 04 still den Laden ausgeräumt. Nicht mit Samba, sondern mit Stahlkappenschuhen. Manchmal ist genau das die schönste Form von Fanromantik.

Sonntag, 5. April 2026

Aus drei Gegentoren sechs Lehren gemacht – Bayer spielt erst Schlafwagen, dann Dampfwalze gegen Wolfsburg

Man muss es dieser Mannschaft lassen: Langweilig kann sie einfach nicht. Gegen Wolfsburg hat Bayer 04 mal wieder gezeigt, warum man als Leverkusen-Fan in Wahrheit kein Herz, sondern ein TÜV-geprüftes Hochleistungsbauteil braucht. Erst verteilen wir in der eigenen Defensive Gastgeschenke wie an einem verkaufsoffenen Sonntag, dann drehen wir ein 1:3 beziehungsweise 2:3 noch in ein 6:3 und verlassen die BayArena am Ende doch mit diesem herrlich irrationalen Gefühl, dass vielleicht wieder alles möglich ist.

Natürlich war das in der ersten Halbzeit über weite Strecken genau der Stoff, aus dem schlechte Saison-Enden gemacht sind. Viel Ballbesitz, viele Pässe, viel Kontrolle auf dem Papier – und hinten trotzdem offen wie ein Scheunentor. Das ist ja das eigentlich Nervige an dieser Werkself 2026: Sie kann Gegner erdrücken, sie kann Räume bespielen, sie kann Chancen im Dutzend herstellen. Aber sie hat gleichzeitig eine fast rührende Bereitschaft, jeden Gegner durch eigene Fehler wieder ins Spiel einzuladen. Wolfsburg musste dafür nicht einmal ein Offensivfeuerwerk abbrennen. Drei Tore aus vergleichsweise wenig Kontrolle – das darf einer Mannschaft mit unseren Ansprüchen schlicht nicht passieren.

Und trotzdem liegt genau darin gerade die Hoffnung. Diese Mannschaft ist eben nicht auseinandergefallen. Sie hat reagiert. Die Umstellung zur Pause, Schick als zusätzlicher Fixpunkt vorne, mehr Wucht, mehr Tiefe, mehr Konsequenz – plötzlich war wieder dieses Bayer-Gefühl da: Druck, Tempo, Gier. Nathan Tella tat dem Spiel mit seiner Dynamik sichtbar gut, Grimaldo war überall, Schick traf historisch, Maza und Tillman setzten die Nadelstiche, und selbst Tapsoba durfte seinen Ausflug vom Krisenherd zum Torjäger fortsetzen.

Der Sieg ist deshalb wichtiger als das bloße Spektakel. Nicht, weil nun alles glänzt. Tut es nicht. Die defensive Anfälligkeit bleibt das große Warnschild vor Dortmund und dem Saisonfinale. Aber nach den zähen Wochen und dem Gefühl, dass uns die Champions-League-Plätze langsam durch die Finger rutschen, war dieses Spiel ein Lebenszeichen. Eines mit Macken, Übertreibungen und völlig unnötigem Puls. Also im Grunde ein sehr leverkusenerisches Lebenszeichen.

Samstag, 21. März 2026

Dreimal getroffen, zweimal geführt, einmal blamiert – Bayer und die Kunst, sich selbst weh zu tun

Es gibt Unentschieden, die fühlen sich irgendwie ordentlich an. Und es gibt dieses 3:3 in Heidenheim. Das gehört in die zweite Kategorie, irgendwo zwischen Wurzelbehandlung und versehentlich verschüttetem Altbier auf dem Lieblingsschal. Zweimal geführt, drei Tore gemacht, gegen den Tabellenletzten gespielt – und am Ende trotzdem zwei Punkte weggeworfen. Wer das schönreden will, kann auch behaupten, ein brennender Toaster sorge für gemütliche Wärme.

Dabei war die erste Halbzeit noch genau das, was man nach dem Arsenal-K.o. gebraucht hätte: Kontrolle, Ruhe, Qualität. Tillman trifft, Schick trifft, Heidenheim sieht aus wie ein Gegner, den man mit professioneller Nüchternheit abarbeitet. Nicht glanzvoll, nicht spektakulär, aber souverän. Genau diese erwachsene Sorte Auftritt, mit der man signalisiert: Ja, Champions League ist vorbei, aber in der Liga wissen wir immer noch, was zu tun ist.

Und dann passierte wieder das, was in dieser Saison leider viel zu oft passiert, wenn Bayer eigentlich alles im Griff hat: Die Mannschaft verwechselt Spielkontrolle mit Arbeitseinstellung Feierabend. Heidenheim wurde mutiger, aggressiver, unangenehmer – und Bayer reagierte darauf wie jemand, der im Regen stehen bleibt und hofft, dass die Wolke von allein weiterzieht. Tat sie natürlich nicht. Stattdessen kam Heidenheim zurück, dann Schick noch einmal zur Führung, und selbst da hatte man nicht das Gefühl, dass die Sache wirklich entschieden ist. Wenn du auswärts drei Tore schießt und trotzdem nicht gewinnst, liegt das nicht am Pech, sondern an fehlender Konsequenz.

Besonders bitter ist das, weil die ganze Großwetterlage schon unerquicklich genug ist. Aus der Königsklasse raus, in der Liga das dritte Remis in Folge, und statt mit Wut und Klarheit in den Endspurt zu gehen, verteilt man Aufbauhilfe an einen Abstiegskandidaten. Natürlich kann man Heidenheim Respekt zollen. Die haben gebissen, gerannt, geglaubt. Aber genau das macht es ja so ärgerlich: Bayer wusste, was kommen würde, und hat es trotzdem zugelassen.

Als Fan bleibt da vor allem Enttäuschung. Nicht wegen eines wilden 3:3 an sich, sondern weil diese Mannschaft mehr können müsste, mehr können will und in solchen Spielen trotzdem immer wieder den Stecker zieht. Drei Tore in Heidenheim müssen reichen. Punkt. Alles andere ist kein Ausrutscher mehr, sondern ein verdammt teures Muster.

Mittwoch, 18. März 2026

London ruft, Leverkusen lernt – und Janis Blaswich verhindert Schlimmeres mit Gartenzaun-Reflexen

Es ist ein bisschen das alte Champions-League-Gefühl für Bayer 04: Man fährt mit Hoffnung los, malt sich den großen Abend aus und kommt mit dieser Mischung aus Stolz, Frust und dem leisen Verdacht zurück, dass Europas Elite zwar nicht auf einem anderen Planeten lebt, aber eben doch in einem hübscheren Viertel. Das 0:2 bei Arsenal war kein ehrenrühriger K.o., aber eben einer, der weh tut, weil mehr drin zu sein schien als nur ein Achtelfinale mit ordentlichem Applaus.

Gerade deshalb sollte man dieses Ausscheiden nicht nur auf 90 Minuten in London reduzieren. Diese Werkself hat in der Königsklasse über Monate gezeigt, dass sie mitmischen kann, auch wenn sie noch nicht zu den Mannschaften gehört, die solche Abende mit kalter Selbstverständlichkeit verwalten. Arsenal wirkte reifer, robuster, klarer in den Abläufen – also genau wie eine Mannschaft, die schon ein Stück weiter ist. Bayer dagegen hatte Phasen, in denen man sah, was wachsen kann, und andere, in denen man sah, was noch fehlt: Ruhe unter Druck, Präzision im Aufbau, Wucht in den entscheidenden Räumen.

Und trotzdem: Wer nur aufs Ergebnis schaut, macht es sich zu einfach. Dass es bis zur Pause nicht schon deutlicher stand, war vor allem Janis Blaswich zu verdanken, der spielte, als hätte er an jedem Arm noch einen zusätzlichen Ellenbogen. Zehn Paraden in so einem Spiel sind nicht bloß ein guter Abend, das ist fast schon ein Nebenjob als Brandlöscher. Wenn der Torwart der beste Mann ist, sagt das allerdings auch einiges über den Rest aus.

Genau da liegt der kritische Punkt: Viel Ballbesitz klingt immer schön für die Statistikfreunde mit Tabellenkalkulation, hilft aber wenig, wenn der Gegner daraus vor allem eines liest – dass er die gefährlichere Mannschaft ist. Bayer hatte zu wenig Durchschlagskraft, zu wenig Frechheit, zu wenig echte Kontrolle. Nicht unterlegen wie ein Außenseiter, aber auch nicht zwingend genug wie ein Team, das wirklich ins Viertelfinale will.

Bleibt also das Fazit mit Fanbrille: nervig ausgeschieden, aber nicht klein. Diese zwölf Champions-League-Spiele waren kein Betriebsunfall mit Flutlicht, sondern ein Schritt. Jetzt wäre es nur ganz schön, wenn aus dem Satz, man sei nicht so weit weg, bald mal der schönere Satz wird: Jetzt sind wir da.

Samstag, 14. März 2026

Dieser Punkt gegen Bayern fühlt sich plötzlich wie ein Gewinn an

Man kann über dieses 1:1 gegen den FC Bayern vieles sagen, aber sicher nicht, dass Bayer 04 gerade langweiligen Fußball spielt. Was die Werkself in diesen Tagen gegen Arsenal und nun gegen München auf den Rasen bringt, ist endlich wieder das, worauf wir in Leverkusen so allergisch reagieren, wenn es fehlt: Intensität, Mut, Struktur, Leben. Diese Mannschaft wirkt wieder wie eine Mannschaft und nicht wie eine lose Sammlung guter Ideen mit müden Beinen.

Gerade gegen Bayern war das über weite Strecken sehr deutlich zu sehen. Früh aggressiv, hellwach in den Zweikämpfen, mit einem starken Plan gegen den Ball und mit dieser schönen Mischung aus Disziplin und Frechheit, die man gegen die Münchner braucht. Dass ausgerechnet der 18-jährige Culbreath dabei so unbekümmert auftritt, ist fast schon die schönste Nachricht des Nachmittags. Während anderswo für teures Geld an Charakterprofilen gebastelt wird, rennt bei uns einer aus der Akademie einfach los und spielt, als hätte er seit fünf Jahren nichts anderes gemacht.

Und trotzdem bleibt nach diesem Spiel ein Gefühl, das man als Bayer-Fan nur zu gut kennt: Stolz mit leichtem Magendrücken. Denn natürlich ist ein Punkt gegen Bayern kein Weltuntergang. Aber wenn der Gegner erst zu zehnt, dann zu neunt spielt und du trotzdem nicht gewinnst, dann darf man sich das Ergebnis nicht mit schönen xGoals einrahmen. Dann fehlen am Ende eben nicht nur zwei Punkte, sondern auch ein Stück Konsequenz.

Genau da liegt der kritische Punkt: Bayer ist wieder spielerisch und mental auf einem Niveau, das Hoffnung macht. Aber diese Hoffnung muss sich auch mal in Ertrag verwandeln. Zu viele gute Auftritte enden derzeit mit einem „eigentlich“. Eigentlich besser. Eigentlich näher dran. Eigentlich verdient. Fußball ist leider ein brutales Gewerbe für Leute, die ihre Überlegenheit auch in Tore umrechnen.

Trotzdem: Die Richtung stimmt. Hjulmands Handschrift wird klarer, die Mannschaft wirkt stabiler, und selbst gegen Europas Schwergewichte sieht Bayer 04 wieder aus wie Bayer 04. Nur den letzten Schritt muss sie endlich machen. Sonst bleibt am Ende wieder nur die Erkenntnis, dass wir fast alles können – außer den Sack zuzumachen. Und das wäre selbst für uns irgendwann zu traditionsbewusst.

Donnerstag, 12. März 2026

Elfmeter, Ärger, Europa – und plötzlich lebt diese Werkself wieder

Man kann über dieses 1:1 gegen Arsenal vieles sagen, aber sicher nicht, dass Bayer 04 bloß tapfer mitgespielt hat. Dafür war das zu erwachsen, zu giftig, zu sehr nach jener Werkself, die wir in den vergangenen Wochen schmerzlich vermisst haben. Nach dem wilden 3:3 in Freiburg und mancher berechtigten Nervosität wirkte dieser Abend wie eine kleine Wiederbelebung auf europäischem Parkett: weniger Schönspielerei, mehr Schmutz unter den Fingernägeln, mehr Andrich im Kopf als TikTok im Fuß.

Genau das war ja der spannende Hintergrund dieses Hinspiels. Nicht die Frage, ob Arsenal mehr Ballbesitz haben würde – geschenkt. Sondern ob Bayer 04 nach einer Phase zwischen Wackeln, Wegwerfen und Wundern überhaupt noch die Stabilität für solche Nächte besitzt. Die Antwort war ein überraschend klares Ja. Diese Mannschaft hat gezeigt, dass sie international nicht nur dekorativ am Wettbewerb teilnimmt, sondern Gegnern wie Arsenal ernsthaft auf die Nerven gehen kann. Und zwar nicht mit romantischem Hurra-Fußball, sondern mit Disziplin, Kompaktheit und der angenehmen Bereitschaft, auch mal eklig zu sein.

Dass ausgerechnet Robert Andrich das Tor macht, passt natürlich perfekt. Wenn es einen Spieler gibt, der ein Champions-League-K.o.-Spiel eher wie einen Häuserkampf interpretiert, dann er. Überhaupt war das der Abend der Typen, die nicht geschniegelt wirken, sondern nach Widerstand aussehen. Palacios zurück in der Startelf, Kofane frech und furchtlos, hinten konzentriert, insgesamt mit einer Körpersprache, die man zuletzt zu oft vermisst hat. So darf Bayer 04 gern aussehen: nicht geschniegelt, sondern geladen.

Und dann wäre da noch die alte Leverkusener Spezialität, sich einen fast perfekten Abend auf den letzten Metern selbst oder vom Umfeld zerschrammen zu lassen. Der späte Elfmeter für Arsenal fühlte sich an wie ein nasser Waschlappen ins Gesicht – besonders weil die Gunners vorher offensiv eher nach Verwaltungsmodus als nach Großmacht aussahen. Dass Kai Havertz ausgerechnet in der BayArena den Ausgleich macht, ist natürlich der Kitsch, den nur der Fußball schreibt, wenn er gerade schlechte Laune hat.

Trotzdem bleibt unterm Strich mehr Hoffnung als Frust. Dieses 1:1 ist kein Trostpreis, sondern ein Zeichen. Bayer 04 lebt noch, in Europa sowieso. Und wer in London so auftritt wie gegen Arsenal über weite Strecken, fährt nicht als Tourist hin. Erst kommt Bayern. Auch nett.